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18. August 2017 | 16:52 Uhr

Behandlung nur gegen Vorkasse

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Plötzlich sah Birte Clausen aus Handewitt Blitze vor den Augen – aber erst nach einer stundenlangen Odyssee fand sie Hilfe

Statt zum Facharzt gehen immer mehr Schleswig-Holsteiner gleich in die Klinikambulanz. Über diese Entwicklung berichtete unsere Zeitung in der gestrigen Ausgabe. Für Birte Clausen aus Handewitt bei Flensburg treffen Patienten, die den Umweg über den niedergelassenen Arzt meiden, eine kluge Entscheidung. Sie selbst hat sich am Dienstag vergangener Woche nicht so klug entschieden und versucht, einen Termin beim Facharzt zu bekommen. „Das hätte ich um ein Haar mit meinem Augenlicht bezahlt“, erzählt die 56-Jährige. Um 15.30 Uhr an diesem Tag sah sie plötzlich mehrere starke Blitze vor den Augen, ein Warnsignal für eine Netzhautablösung. „Ich wusste, ich muss jetzt sofort zu Arzt.“ Sie griff zum Telefon, doch in ihrer Augenarztpraxis meldet sich niemand, auch kein Anrufbeantworter. Wie sich später herausstellte, war Frau Doktor P. im Urlaub. Genauso wie fünf von acht weiteren Augenärzten in Flensburg , die Clausen zu erreichen versuchte. Bei den drei anderen wurde sie von den Sprechstundenhilfen abgewiesen, obwohl sie von den Blitzen berichtete und sich als Notfall ausgab. Mal wurde ihr gesagt man sei nicht die Vertretung von Doktor P. – „mit der haben wir nichts zu tun“ – mal, man habe keinen Termin. Die zum Uthoff-Imperium gehörende Praxis Nordblick im Flensburger Cittipark war zwar bereit, ihr sofort zu helfen – allerdings nur gegen Bares, „ wenn Ihnen Ihr Augenlicht was wert ist“. Clausen war an eine Privatpatienten- und Selbstzahlerpraxis geraten.

„In meiner Not habe ich dann das Diakonissenkrankenhaus angerufen, und das hat mich an die Uniklinik in Kiel verwiesen, weil die Diako keinen Augenarzt hat“, berichtet Clausen, die noch jetzt über ihre Ärzte-Odyssee entsetzt ist. „Ich war verzweifelt, denn ich wusste nicht, wie ich nach Kiel kommen sollte, wegen der Blitze vor den Augen konnte ich doch nicht mehr Autofahren.“ Inzwischen war es bereits 17 Uhr. „Also habe ich die Notarztnummer gewählt, doch die funktioniert erst ab 18 Uhr“, erinnert sie sich. Ihr Hausarzt riet ihr dann, die Feuerwehr anzurufen. „Tatsächlich traf der Krankenwagen um 17.50 Uhr bei mir ein und ich bat die Fahrerin, mich nach Kiel zu fahren“, erzählt die gelernte Informatikerin. Doch die Fahrerin brachte sie trotz ihres Protestes in die Diako. Laut Clausen sagte sie: „Ich habe um 18 Uhr Schichtwechsel, da fahre ich doch jetzt nicht noch nach Kiel, das kann später die Nachtschicht machen.“ In der Diako sei sie „nicht freundlich“ in Empfang genommen worden und habe Stunden gewartet, bis sich endlich eine Neurologin ihrer angenommen habe. „Und die teilte mir dann mit, sie könne eh nichts tun, weil sie keinen Augenarzt habe – das wusste ich ja bereits.“ Trotzdem wurde zunächst eine Computertomographie gemacht, und dann wurde der Krankenwagen bestellt. Per Blaulicht ging es dann – gut zweieinhalb Stunden nach ihrer Einlieferung – im Krankenwagen in Richtung Kiel. „Im UKSH waren alle sehr bemüht und freundlich und haben mir geholfen“, schwärmt Clausen. Die Operation sei gut verlaufen, sie kann wieder sehen – ohne Blitz.

„Ich kann nur jedem raten, sofort in eine Klinikambulanz zu gehen“, erklärte Clausen. Vier Stunden habe sie versucht, bis zu einem niedergelassenen Facharzt vorzudringen – ohne Erfolg. „Da habe ich Zeit verschwendet, kostbare Zeit“.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Bad Segeberg bedauerte den Fall gestern ausdrücklich. „Der Schilderung der Patientin zufolge lag hier eine Notfallsituation vor. Dem Vorwurf, dass die Patientin von einer Augenarztpraxis als Notfall abgewiesen worden ist, werden wir genau nachgehen und gegebenenfalls disziplinarische Erfordernisse prüfen“, erklärte gestern KV-Sprecher Marco Dethlefsen. In Notfällen dürfe ein niedergelassener Arzt eine Behandlung grundsätzlich nicht ablehnen.

Auch die Abteilungsleiterin des Rettungsdienstes der Flensburger Feuerwehr räumt ein, der Fall sei „ganz unglücklich gelaufen“. Allerdings will Sabine Schult zunächst prüfen, ob wirklich ein Fehler auf Seiten der Rettungsassistentin vorliegt. „Grundsätzlich müssen wir bei Notfällen die nächstgelegene, geeignete Klinik anfahren, und das ist für uns das Diakonissenkrankenhaus“ erläutert Schult. Erst dort könne der Arzt dann „den Zielort für die endgültige Behandlung festlegen“.

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erstellt am 14.Aug.2014 | 12:12 Uhr

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