Unter 800 Euro Rente im Monat : Altersarmut: Mehr Rentner sind auf staatliche Hilfe angewiesen

Fast jeder zweite Rentner hat weniger als 800 Euro Altersrente im Monat. Sie brauchen Unterstützung, um Essen und Miete zu bezahlen.

Fast jeder zweite Rentner hat weniger als 800 Euro Altersrente im Monat. Sie brauchen Unterstützung, um Essen und Miete zu bezahlen.

In der Generation 65plus beziehen in Schleswig-Holstein 3,1 Prozent der Menschen Grundsicherung.

Margret Kiosz von
08. August 2018, 19:36 Uhr

Kiel | Fast jeder zweite Rentner hat weniger als 800 Euro Altersrente im Monat. Auch in Schleswig-Holstein geht es bei vielen Senioren um Existenzielles wie Essen, Miete, Strom oder den kaputten Kühlschrank. Oft kommen sie nur mit Hilfe des Staates über die Runden. Ende 2017 haben im Norden 20.600 Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter erhalten. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Zuwachs von gut fünf Prozent. In Hamburg stieg die Zahl um vier Prozent auf 25.500, so das Statistikamt Nord. 58 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Schleswig-Holsteinerinnen, die 2015 in Rente gingen, erhielten eine gesetzliche Altersversorgung im Schnitt von 603 Euro, in Hamburg waren es 710 Euro.

„Der Trend in Richtung Altersarmut kann nur gebrochen werden, wenn Arbeitgeber anständige Tariflöhne zahlen, Frauen besser beschäftigen und die Rente gestärkt wird“, erklärte dazu DGB-Nord-Vize Ingo Schlüter. „Prekäre Beschäftigung muss in tariflich bezahlte, sichere Arbeit überführt werden“. Wer 45 Jahre nur als Minijobber tätig war, habe einen Rentenanspruch von gerade mal 164 Euro. Der DGB begrüßt, dass der Bund das Rentenniveau in einem ersten Schritt stabilisiert hat.

Situation nicht dramatisieren

„Man sollte das Risiko von Altersarmut nicht dramatisieren“, meint dagegen der Wirtschaftsforscher Bruno Kaltenborn. In der Generation 65plus sind im Norden derzeit 3,1 Prozent der Menschen auf Grundsicherung angewiesen.

Auch das Kieler Sozialministerium warnt vor Überreaktionen. „Wir wissen seit Jahren, dass wir uns mitten im demographischen Wandel befinden und der Anteil der Senioren an der Bevölkerung wächst,“ erläutert Ministeriumssprecher Frank Strutz-Pindor. Es sei deshalb logisch, dass auch die absolute Zahl derjenigen steige, die auf unterstützende Leistungen des Staates angewiesen sind. Wichtig sei allerdings die Altersvorsorge angesichts des Wandels der Arbeitsmarktstrukturen zukunftsfest zu machen. Deshalb habe die Landesregierung das „Zukunftslabor“ eingerichtet, um rechtzeitig die richtigen Weichen zu stellen.

Auch der Sozialverband in Kiel fürchtet, dass die Zahl der Hilfebedürftigen wegen unterbrochenen Erwerbsbiografien bei gleichzeitiger Absenkung des Rentenniveaus weiter steigen wird. „Momentan ist aber das größte Problem die Scham älterer Bürger, zum Amt zu gehen“, sagt Verbands-Vize Sven Pickert.

Er schätzt, dass allein in Schleswig-Holstein weitere 10.000 Rentner leistungsberechtigt sind, aber wegen des „Fürsorge-Makels“ und aus der unberechtigten Sorge, ihre Kinder würden dann zur Kasse gebeten, in Armut leben. Pickert appelliert deshalb an Senioren und Angehörige, die Anspruchsberechtigung prüfen zu lassen. Sein Beispiel: Wer 600 Euro Rente bekommt, aber 350 Euro für Miete und 450 Euro für den Lebensunterhalt benötigt, erhält 200 Euro Grundsicherung.
 

Zu wenig, um zu leben

Ein Kommentar von Bernd Ahlert

Die Welle rollt. Längst hat die Altersarmut Einzug in den Alltag erhalten – und ist nicht länger Gegenstand theoretischer Betrachtungen von Sozialpolitikern. Mehr als 20.000 Rentner allein in Schleswig-Holstein, die auf Grundsicherung angewiesen sind, sollten eine Warnung sein. Menschen, die von ihrer Rente nicht auskömmlich leben können und auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Und das Problem wird wachsen. Dann nämlich, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer-Generation das Rentenalter erreichen. Darunter sind Millionen Langzeitarbeitslose, Geringverdiener oder Erwerbstätige in prekären Arbeitsverhältnissen – die während ihres Arbeitslebens nicht in der Lage waren, ausreichend in die Rentenkasse einzuzahlen und vorzusorgen.

Schon heute bezieht jeder zweite Rentner weniger als 800 Euro Rente. Zu wenig, um zu leben. Doch wie löst man das Problem? Ein intelligentes Modell einer steuerfinanzierten Mindestrente könnte ein Ansatz sein. Viel teurer als das steuerfinanzierte Aufstocken über die Grundsicherung würde das nicht. Aber es würde den Betroffenen die Peinlichkeit ersparen, staatliche Hilfe beantragen zu müssen, um zu überleben.

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