Ex-Krankenpfleger Niels Högel : 98 Patienten totgespritzt: Anwältin Gaby Lübben vertritt die Angehörigen

Rechtsanwältin Gaby Lübben   möchte die persönliche Geschichte der Opfer erzählen.

Rechtsanwältin Gaby Lübben möchte die persönliche Geschichte der Opfer erzählen.

Lübben vertritt in einem weiteren Prozess ein Großteil der Angehörigen. Eine belastende Zeit für sie und ihre Mandanten.

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23. August 2018, 10:45 Uhr

Delmenhorst | Die Rechtsanwältin Gaby Lübben sitzt an einem aufgeräumten Schreibtisch, die schwarze Robe fürs Gericht hängt an der Garderobe. Lübben wirkt nach den Sommerferien sehr entspannt – noch. „Die Anspannung steigt“, gibt sie zu. In zwei Monaten startet der Prozess um die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte. 98 Patienten soll der frühere Krankenpfleger Niels Högel ermordet haben. Fast 100 und damit einen Großteil der 120 Nebenkläger wird Lübben vor Gericht vertreten. Ihr Ziel: Den Opfern eine Stimme geben.

Wenn das Landgericht den Tod der Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst verhandelt, werden die Fakten viel Raum einnehmen. Darin wird es um Details aus Patientenakten, Rückstände von Medikamenten und Aussagen von Gutachtern gehen. Dazu möchte Lübben ein Gegengewicht bilden. Hinter jedem Opfer steht eine persönliche Geschichte. Diese will Lübben vor Gericht erzählen. „Das ist ihnen angemessen“, sagt die 41-Jährige.

In seinem letzten Prozess wurde Niels Högel zu lebenslänglich verurteilt.
dpa

In seinem letzten Prozess wurde Niels Högel zu lebenslänglich verurteilt.

 

Sechs Anwälte werden den Familien der Opfer nach Angaben des Landgerichts beim Prozess zur Seite stehen. Dass der Großteil sich für Lübben entschieden hat, liege an ihrer Erfahrung mit dem Fall, sagt sie. Wegen des Todes von sechs Patienten am Klinikum Delmenhorst musste sich der Ex-Pfleger schon zweimal vor Gericht verantworten. Seit dem bislang letzten Prozess sitzt er lebenslang in Haft. In dem Verfahren war auch Lübben schon als Nebenklage-Vertreterin dabei. Im Februar 2000 tötete Högel zum ersten Mal am Klinikum Oldenburg. Dann wieder und wieder, über Jahre. Erst im Sommer 2005 nahm das Morden ein Ende, als eine Kollegin den Pfleger auf frischer Tat ertappte.

Mit dem Prozessbeginn endet eine lange Wartezeit

Mit Beginn des jüngsten Prozesses endet für die Familien der Opfer eine lange Zeit des Wartens. „Sie sind froh, dass es voran geht“, sagt Lübben. Doch der Gang vor Gericht, dem mutmaßlichen Täter zum ersten Mal ins Gesicht sehen – das werde für ihre Mandanten nicht einfach. „Ich möchte sie möglichst stark durch den Prozess bringen.“

Neben den juristischen Aspekten müssen Nebenklage-Anwältinnen und -Anwälte nach Ansicht von Holger-Christoph Rohne vom Deutschen Anwaltverein auch viel in zwischenmenschlicher Hinsicht leisten. „Das unterscheidet dieses Mandat von anderen.“ Doch ob das bei so vielen Mandanten überhaupt noch möglich ist, bezweifelt er. „Es ist eine Herausforderung“, sagt Lübben. Für den Prozess hat sie deshalb eine Anwältin angestellt, die sie unterstützt.

Seit vielen Jahren arbeitet Lübben ehrenamtlich für den Opferhilfeverein Weißer Ring. Im Gericht werden bis zu sechs Mitarbeiter der Organisation die Nebenkläger betreuen. „Wir sind vor Ort, um die Menschen aufzubauen und zu stützen“, sagt Petra Klein, die die Oldenburger Außenstelle des Weißen Rings leitet.

Obwohl Niels Högel schon lebenslang in Haft sitzt, sei der neue Prozess für die Angehörigen nicht verzichtbar. „Die meisten erwarten, dass der mutmaßliche Täter Verantwortung übernimmt. Das ist viel wichtiger für sie als eine Strafe.“ Der Prozess wird die Nebenkläger viel Kraft kosten – aber auch die Menschen, die sich um sie kümmern. „Das ist emotional belastend“, sagt Lübben. Das persönliche Verhältnis zu ihr hat Christian Marbach als sehr tröstlich empfunden: Sein Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste. „Gaby Lübben setzt sich weit über ihre berufliche Arbeit hinaus für die Opfer und Angehörigen ein“, sagt Marbach.

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