Nord-Ostsee-Kanal bei Hochdonn : 2022 beginnt Sanierung von 2,2 Kilometern Brücke – mit dem Pinsel

Mit Tempo 80 rollen die Züge derzeit noch über die Brücke, in der Bauphase sollen es 60 km/h sein.
Mit Tempo 80 rollen die Züge derzeit noch über die Brücke, in der Bauphase sollen es 60 km/h sein.

Die vor 100 Jahren fertiggestellte Eisenbahnbrücke bekommt einen neuen Anstrich – für fast 74 Millionen Euro.

Kay Müller von
15. Juni 2020, 18:21 Uhr

Hochdonn | Er kennt sie alle. Na ja, fast alle Stellen, an denen die Eisenbahnhochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Hochdonn (Kreis Dithmarschen) über die Jahre Rost angesetzt hat, hat Markus Stemmler schon gesehen. „Es sind keine wirklich dramatischen Stellen, aber es sind eben sehr viele“, sagt der Projektingenieur des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Kiel-Holtenau, der in den kommenden zwölf Jahren eine Mammutaufgabe schultern muss.

Der Korrosionsschutz an der 2,2 Kilometer langen Brücke wird erneuert – auf einer Fläche von 205.000 Quadratmetern. Das entspricht etwa 19 Fußballfeldern. Nur sind die eben nicht mal schnell gestrichen. Die Farbe aufzusprühen, habe man verworfen, sagt Stemmler. Dabei gehe zu viel Material verloren. „Pinseln ist das Beste.“

Markus Stemmler , Projektingenieur des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Kiel-Holtenau, kennt die Schwach- und Roststellen der Hochdonner Brücke ganz genau.
Michael Staudt

Markus Stemmler , Projektingenieur des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes (WSA) Kiel-Holtenau, kennt die Schwach- und Roststellen der Hochdonner Brücke ganz genau.

In Handarbeit in luftiger Höhe bei Wind und Wetter eine Stahlbrücke zu konservieren – das kostet Geld. Viel Geld. „Es sind 73,6 Millionen Euro im Bundeshaushalt dafür vorgesehen“, sagt der Sachbereichsleiter Brücken beim WSA, Rüdiger Schröder. Wenn man aktuellen Umrechnungen glauben darf, hat der Bau der ganzen Brücke einmal so viel gekostet.

Doch für Schröder und Stemmler ist die Ausgabe nötig, die Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) schon genehmigt hat. „Mit dem neuen Korrosionsschutz wollen wir so 20 bis 25 Jahre Ruhe haben“, sagt Stemmler als er über eine Treppe den Aufstieg zu den in 45 Meter Höhe gelegenen Gleisen macht.

„Wir müssen die Brücke erhalten. Und irgendwann ist der Zeitpunkt, Grund reinzubringen – und der Zeitpunkt ist jetzt. Markus Stemmler, Projektingenieur

Auf halber Höhe bleibt er stehen, nicht um die Aussicht über den Kanal zu genießen, sondern um die Stellen an der über 100 Jahre alten Brücke zu zeigen, um die es geht. Von einem Stahlträger ist großflächig der alte Rostschutz abgeplatzt, die braunen Stellen sind auch aus der Entfernung gut zu sehen. „Man weiß natürlich nie genau, was darunter ist“, sagt Schröder.

Zwar hätten Stemmler und seine Kollegen die Brücke auch mit Hubsteigern inspiziert, aber in alle Ecken habe man eben nicht hineinsehen können. „Wir haben bei der Kostenkalkulation aber einen gewissen Puffer eingerechnet.“

Das ganze Projekt wird sich über zehn bis zwölf Jahre hinziehen, sagt Schröder, denn der Aufwand ist enorm. „Wir gehen von Süden nach Norden vor – genau wie die Brücke damals gebaut worden ist“, sagt Stemmler. Denn im Süden seien die Schäden am größten. „Allerdings nichts, was die Standfestigkeit gefährdet.“

Gefahr von Rost und Korrosion

Beim Aufstieg auf die Brücke bekommt der Besucher einen Eindruck, was der Ingenieur meint. „Überall, wo sich Wasser sammeln kann, besteht die Gefahr von Rost“, sagt Stemmler. Auf den so genannten Laufwegen sind viele Stellen braun. „Da müssen wir, wie an anderen Orten auch, einzelne Bauteile komplett erneuern.“ Wie viele das sein werden, das stehe noch nicht fest.

Und auch der Korrosionsschutz ist nicht ohne. In den vergangenen Jahren sei der immer mal wieder ausgebessert worden – immer da, wo Schäden sichtbar wurden. Ein Durchgang habe so acht bis neun Jahre gedauert, dann habe man wieder von vorn angefangen, sagt Schröder.

Überall an der Brücke zeigen sich in verschiedenen Ausprägungen die Rostschäden, die über die vergangenen Jahre entstanden sind.
Michael Staudt
Überall an der Brücke zeigen sich in verschiedenen Ausprägungen die Rostschäden, die über die vergangenen Jahre entstanden sind.

Das Ergebnis ist zu sehen: An manchen Stellen gibt es gleich in mehreren Schichten Rostschutz. „Das muss erstmal alles runter, damit wir den neuen Schutz auftragen können“, sagt Stemmler. Dafür wird die Eisenbahnbrücke Stück für Stück eingerüstet, Planen sollen die Arbeiten und die Arbeiter schützen.

Sanierungsaufträge sollen an Firmen aus der Region gehen

Das geschieht in mehreren Bauabschnitten, alles wird saniert, nur das Mittelstück der Brücke, das 2006 erneuert worden ist, wird ausgebessert. Bei den Aufträgen sollen nach Schröders Vorstellungen auch mittelständische Firmen aus der Region zum Zuge kommen.

Koordiniert die Sanierung: Rüdiger Schröder vom WSA.
Michael Staudt
Koordiniert die Sanierung: Rüdiger Schröder vom WSA.

Vor ein paar Jahren hat Schröder schon eine ähnliche Maßnahme an der Eisenbahnbrücke in Rendsburg koordiniert. „Von den Erfahrungen profitieren wir jetzt natürlich.“

Zehn bis zwölf Jahre für die Sanierung geplant

2022 soll die Sanierung in Hochdonn beginnen, derzeit laufen die Vorbereitungen. Zehn bis zwölf Jahre soll die Sanierung dauern, schätzen die Ingenieure.

Der Bau hat im Kaiserreich sieben Jahre gedauert. „Allerdings haben die auch ganz andere Bedingungen gehabt“, sagt Stemmler. Damals gab es wenig Lohn für die Arbeiter, die Schichten waren lang, die Unterbringung karg, der Arbeitsschutz kaum vorhanden.

Sicherheit für Arbeiter und Bahnverkehr

Heute sind die Sicherheitsanforderungen enorm. Die Züge sollen während der gesamten Bauphase weiterrollen, das Tempo nur von 80 auf 60 km/h reduziert werden. Dazu müssen sich Behörde und Staatskonzern abstimmen – die Brücke gehört dem WSA, die Gleise der Bahn.

Und nicht zuletzt muss jede Menge Material bewegt werden: Allein 12.000 Tonnen so genannter Strahlschutt falle an, sagt Stemmler – also der alte Rostschutz nebst dem Material, mit dem er von der Brücke gestrahlt wird. Und das muss alles aufgefangen und entsorgt werden.

Mittlerweile sind die beiden Ingenieure auf der Brücke angekommen. „Die Aussicht ist immer wieder beeindruckend“, sagt Stemmler und lässt den Blick über den Kanal bis nach Brunsbüttel schweifen. Aber bis der 48-Jährige die Brücke in neuem Glanz erstrahlen sehen kann, wird es noch ein bisschen dauern.

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