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Endspurt zur Bescherung : „Wir schenken uns nichts“ – Auswege aus dem Weihnachts-Dilemma

vom
Aus der Onlineredaktion

Das Fest der Liebe wird unterwandert von gebrochenen Nichts-Schenk-Pakten. Wenn die Bescherung zum Mobbing wird – und wie man es verhindert.

shz.de von
erstellt am 22.Dez.2016 | 20:48 Uhr

„Wir schenken uns doch nichts, ne?“, heißt es am Ende eines vorweihnachtlichen Telefonates. „Okay, äh, nee, was soll das auch?“, lautet die Antwort. Dies ist ein Pakt, den Weihnachts-Aussteiger gerne innerfamiliär oder auch unter Freunden schließen. Einander beschenken tut doch nicht Not, so der Konsens – man hat doch sich. Und die Kinder, ja, die haben doch eh schon zu viel. Deshalb wollen viele lieber den vorweihnachtlichen Schwarm-Konsum umgehen und das Geld aufsparen. Gute Idee – wenn sich denn auch wirkliche alle an die Spielregeln halten und am Ende nicht doch der Weihnachtsmann durch den Schlot kommt. Wir müssen reden über ein Wohlstandsproblem.

Während Psychologen in Geschenkritualen ein Quell für friedliches Zusammenleben sehen, stellen viele zu Weihnachten auf Pragmatismus um – und ernten so am Ende tatsächlich das, was man zu beim Fest der Liebe nun so gar nicht will – nämlich Unfrieden, innersten.

Denn wie viele informelle Sprachakte hat auch ein solcher Pakt gerade um den 23. Dezember herum seine dilemmatischen Tücken. Plötzlich spielt einem die verzerrte Erinnerung an das „okay, nee“ des Anderen Unsicherheit ins Hirn. Hat er/sie es wirklich so gemeint? War der gemeinsame Vorsatz am Ende doch nur Geheimniskrämerei, ein nicht ernst zu nehmendes Spiel der Reize? Was ist, wenn der oder die andere doch plötzlich mit erwartungsvollem Grinsen und hochstehenden Augenbrauen einen Pappkarton unter dem Baum platziert? Lieber den Schmerz umgehen. Kennen wir einander gut genug? Miteinander reden hilft, viel reden. Am vierten Advent noch mal nachfragen: „Wir schenken uns doch wirklich nichts, oder?“ Noch mehr Unsicherheit. Ein Fall für Loriot.

Plötzlich sieht man sich vor dem Weihnachtsbaum stehen und vom vermeintlichen Bündnispartner ein rotes Päckchen mit dem Aufkleber eines Juweliers in die Hand gedruckt bekommen. Selbst wenn dies eine Scherz-Verpackung ist - es treibt felsenschwere Verlegenheit in die eben delikat und üppig bis an die Lunge gefüllte Bauchgrube. Der Herz, das es nach all dem Fett ohnehin schwer hat, ruft: „Bitte nicht!“ Man öffnet die schöne Bescherung und bekommt eine neue Armbanduhr oder irgendwas, das an vergangen geglaubtes Wettschenken erinnern lässt: „Das wollte ich dir eigentlich erst zum Geburtstag schenken, wir hatten ja eigentlich gesagt...“. Genau das hatten wir.

Wie ein korrumpierter Schuldner steht man da und stammelt ausflüchtig: „Ich…ich hab gar nichts für dich… Hey, lass uns doch mal wieder nach Kopenhagen fahren, da gibt es eine hervorragende Ausstellung von, wie heißt der noch?...“. Irgendein Dingsda muss man ja zurückgeben – und sei es jetzt nur ein angewärmtes Snickers. Nur um nicht ein Jahr lang dem Gegenüber als krummgebeugter Schuldner begegnen zu müssen. Doch da ist nichts: „Kannst ja ein Gedicht aufsagen“, sagt jemand im Hintergrund. Wie witzig! Wie das komplizierte Wohlstands- und Kommunikationsproblem unter Aspekten der gefühlten Bringschuld wohl erst im kommenden Jahr wohl aussehen würde…? Jetzt wird’s zu kompliziert. Fieser Wohlstand, fiese Gesellschaft, schöne Bescherung.

Lösen wir das Problem besser vorher, damit sich kein unangenehmer Schauer der Verlegenheit über der zwischenmenschlichen Beziehung einnistet. Deutsche lassen sich ihre private Sicherheit ja gerne einiges kosten. Also gibt es sicher auch viele, die nach Murphy's Law, dem worst case, vorgehen und dem Schenkdilemma bei kleinstem Verdacht vorbeugen. Also heißt es, sich für den Fall des unerwarteten Erstschlages im Kerzenlicht mit Sicherheitsgeschenken zu bewaffnen. Doch was kann dienen?

Ein Ass im Ärmel könnte ein kleines Hosentaschengeschenk sein, das man plötzlich daherzaubern kann. Ist die Gabe aber zu besonders, will man sie am Ende trotzdem loswerden, man wird also zum Täter. Ist sie zu klein, würde es am Ende so peinlich werden wie mit gänzlich leeren Händen. Wir brauchen zudem etwas, das auf keinen Fall den Ruf einer ordinären Konsumware hat. Um am wichtigsten: Weil man das Fallschirm-Geschenk höchstwahrscheinlich gar nicht braucht, sollte es einem selber auch gut zu Gesicht stehen.

Die Grundmaximen für Sicherheitsgeschenke

1. Handlich
2. Nicht teuer
3. Nicht billig
3. Persönlich
4. Unpompös
5. Eigennützig

1. Selbstgemacht

Foto: imago/Westend61

Besagter Snickers ist gar keine so schlechte Idee, sofern man den Schokoriegel selbst herstellt (hier ein Rezept) und ihm damit etwas Besonderes eingehaucht hat. Selbstgemacht macht Herzen weich und trifft den Gegennerv der Zeit. Das wusste Omi schon immer, jedenfalls heimlich, wenn sie uns Socken strickte. Es muss also keine kulinarische Delikatesse sein: Stricken oder andere textile Handarbeit geht auch. Da man den Schal wohl nicht zum Feste hin geschafft haben wird, kann man wenigstens mit einem Haufen Wolle ankommen und mit dem Empfänger eine Farbbesprechung für das zu Entstehende durchführen. Man hat sich beschäftigt. Das zählt zuallererst. Und der wollige Abwehrschirm lässt sich später für Sinnvolles verbraten, sollte man am Ende doch keiner neuen Deluxe-Espressokanne etwas entgegenfeuern müssen.

2. Nützlich oder selbst gefunden

Foto: imago/Westend61
 

Bei Dingen des täglichen Gebrauchs muss man sich vorher ein paar Gedanken machen. Über Küchenutensilien freuen sich heutzutage nur Männer. Elektronik ist mit Ausnahme vielleicht von angesagten USB-Feuerzeugen (passen in die Hosen- oder Handtasche) fürchterlich überzogen. Das ausgediente Smartphone? Nein. Etwas Gefundenes von Strand und Flohmarkt wäre ein guter Plan. Der Starkwind mit den Schätzen aus dem Salzwasser kommt zwar erst am späten Heiligabend, aber die Gesamt-Bescherung streckt sich ja gerne über die Tage. Setzen Sie auf den Treibholz-Effekt. Die Formel lautet: Treibholz + Loch reinbohren = Kerzenständer.

3. Eine Mogelpackung

Wer beim Nicht-Schenken-Pakt schummelt, wird beim Schenken beschummelt. Großer Karton, knalliges Papier, schöne Schleife, Inhalt: Zeitungspapier und ein Zettel mit der Aufschrift: „Wir schenken uns nichts“. Oder basteln Sie etwas, das ihre Vorstellung vom „Nichts“ verbildlicht. Pädagogischer Volltreffer.

4. Oh danke, ein Gutschein!

Foto: Imago/Ralp Peters

Im Prinzip ist der Gutschein, wie er in vielerlei Couleur an den Supermarktkassen und in den Tankstellen hängt, ein anonymes, unromantisches Utensil, des Weihnachtsfestes unwürdig – 2011 hätte man gesagt ein No-Go. Wer absolut keine Idee hat, der hat kommt mit einem Gutschein ums Eck. Es ist völlig unnötig, sich so etwas ausgerechnet als Sicherheitsgeschenk zu besorgen. Aber es ist doch so praktisch. Man kann ihn im Zweifelsfall selber benutzen oder gleich bei der nächsten Geburtstagssituation wiederverwerten. Nett ist es, wenn man im Moment der Übergabe dann auch ein kleines Geschichtchen über den Verwendungszweck erzählt. Zum Beispiel: „Ich dachte mir, das kann man ja immer gebrauchen“. Nicht. Wenigstens zum einem spezifischen Fachgeschäft sollte der Kupon aber schon leiten, möglichst klein, aber erreichbar.

5. Vinyl.

Foto: imago/Westend61

Gerade im Weihnachtsgeschäft macht die gute alte Schallplatte im Handel Bocksprünge. Kein Wunder, denn es ist schon etwas Besonderes, in der digitalen Zeit Musik so viel Platz zu geben und mit der Würde von so viel physischer Schönheit und Haptik zu versehen. Ein feines Geschenk, auch für diejenigen, die (noch) keinen Plattenspieler haben. Bei der Auswahl der Musik sollte man wenigstens einen Brückenschlag wagen vom eigenen Geschmack zu dem des Nächsten, so dass der Eigennutz am Ende nicht geschwächt wird. Dasselbe gilt natürlich für Bücher.

6. Gin

Gin ist das Modegetränk unter den Al­ko­ho­li­ka. Den unverderblichen Wacholderbeerschnaps bekommt man auf die Schnelle auch in höherer Qualität im Supermarkt gekauft, er ist günstiger als Whiskey und lässt sich im Nichtangriffsfall auch gut im eigenen Spirituosenregal stationieren. Für interessante Gespräche dürfte überdies auch regionaler Gin eine gute Basis geben: Spitzmund Gin aus Kiel und Gin Sul von der Altonaer Spirituosenmanufaktur beleben die Geschmacksnerven mit feinen Aromen.

7. Die beste Idee

Lassen Sie diesen oben beschriebenen Unsinn nicht an sich heran. Sie sind ehrlich norddeutsch. Affmaakt is Affmaakt. Wenn der Bündnispartner sie unbedingt beschenken will, ist es sein gutes Recht. Soll er doch. Bloß keine sinnlose Verlegenheit. Es wird einen Grund dafür geben, der Grund sind Sie. Geschenk dankbar annehmen, eine feste Umarmung,  „du Schlingel“ ins Ohr flüstern – und im Sommer wird gegrillt.

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