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E-Commerce oder Laden? : Online-Handel versus stationärer Handel: zwei Meinungen

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Zur Weihnachtszeit lieber ins Internet oder in die Fußgängerzone? Die Redaktion von shz.de ist gespalten.

shz.de von
erstellt am 06.Dez.2016 | 21:59 Uhr

Pro Online-Handel

von Joachim Dreykluft

Ich bin kein Pfennigfuchser. Ich bin kein Einkaufsmuffel. Ich schätze das freundliche Gespräch mit kompetenten Verkäuferinnen und Verkäufern. Und treffe auch gerne mal zufällig einen Freund oder Bekannten. Dennoch gebe ich das meiste Geld inzwischen im Online-Einzelhandel aus, deutlich mehr als im stationären. Warum?

Bequemlichkeit spielt dabei durchaus eine Rolle. Aber es ist nicht die Bequemlichkeit, nicht vom Sofa herunter zu wollen. Es ist die Bequemlichkeit, nicht vom Sofa herunter zu wollen, um dann in die Stadt zu fahren, um dort festzustellen, dass das Produkt, das ich gerne hätte, nicht erhältlich ist. Oder nicht in meiner Größe. Oder wie auch immer.

Das Öko-Argument gibt mir dabei, ganz ehrlich, zu denken. Das Herumfahren der ganzen Pakete kostet schließlich Energie und verursacht CO2. Jeder Versand verursache so viel Treibhausgase, als wenn man mit dem Auto drei Kilometer fahren würde, rechnet das Freiburger Öko-Institut vor. Hand auf Herz: Ist ihr Weg in die Fußgängerzone kürzer? Fahren Sie konsequent Bus oder Rad? Und was ist mit dem CO2, wenn ich ohne Einkauf wieder nach Hause fahren muss?

Wer bei Zalando Schuhe bestellt in der festen Absicht, sie (fast) alle wieder zurück zu schicken, ist eine Umweltsau. Wer mit dem Auto zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück zum Shoppen fährt, ist es auch.

Das ist aber gar nicht mein Punkt. Was mich am stationären Einzelhandel wirklich nervt ist, dass er mit Nostalgie-Argumenten daher kommt, aber nicht für fünf Pfennig bereit ist, sich zu verändern. Ich soll weiter kommen, gucken und hoffen, dass ich etwas finde.

Bei Ikea ist der Warenbestand im Laden online einsehbar.
Bei Ikea ist der Warenbestand im Laden online einsehbar. Foto: Screenshot von ikea.com/de
 

Welcher Händler investiert in ein Online-System, bei dem ich nachschauen kann, ob das, was ich brauche, wirklich da ist? (Ikea etwa tut das. Deshalb kaufe ich dort gerne ein.) Wo ich es sogar reservieren kann, damit es mir auf der Fahrt zum Laden niemand wegschnappt? Händler, die glauben, dass es reicht, wenn sie so bleiben, wie sie immer waren, haben es nicht anders verdient, als zu verschwinden.

Machen Sie mal die Probe: Gehen Sie in ein sogenanntes Fachgeschäft, das Produkte verkauft, mit denen Sie sich auskennen. Stellen Sie dem Verkaufspersonal Fragen. Ich stelle dann meist fest: Die kennen sich nicht aus.

Gegenbeispiel: kleine Laufschuhgeschäfte. Da verkaufen oft Menschen, die selbst Läufer sind. Wenn die mir dann nach Klagen über eine Außenristirritation genau das richtige Paar Schuhe aus dem Regal ziehen, bin ich total glücklich. Und komme wieder. Händler, investiert in Personal! Mit angelernten Aushilfen gewinnt ihr gegen Algorithmen keinen Blumentopf.

Wann ich bestimmt nicht wiederkomme: Nach dem Satz: „Das haben wir nicht da. Können wir ihnen aber bestellen.” Das kann ich selbst. Noch bevor ich den Laden verlassen habe.

Pro Stationärer Handel

von Till Lorenz

Funkelnde Lichter, der Duft gebrannter Mandeln, Musik zum Wohlfühlen, zwischendrin ein freundlicher, bisweilen herzlicher Wortwechsel – der stationäre Einzelhandel zeigt zur Weihnachtszeit, wo seine Stärken liegen. Vollkommen missen möchte dies wohl niemand. Doch so charmant der Einzelhandel in Deutschlands Städten in diesen Tagen auch erscheinen mag,  die Vorteile der Online-Konkurrenz liegen klar auf der Hand – das Angebot im Netz ist schier unendlich, es gibt keinen Ladenschluss und meist ist die Ware auch noch günstiger zu haben.  Allein: Die Zukunft des Handels kann und darf nicht nur allein im Internet liegen – denn der Preis, den wir als Gesellschaft bezahlen müssten, wäre zu groß.

Handel ist vor allem eines: Kommunikation. Die Befürworter des Online-Handels treten für eine Welt ein, in der das menschliche Miteinander ersetzt wird durch Algorithmen, Automatismen und Bots, die ihre Fragen und Antworten aus einer Datenbank zusammenklauben. Das Soziale wird von den Online-Fetischisten zu einer unerwünschten Nebensächlichkeit degradiert, die Grundlagen des Humanismus über Bord geworfen. Stattdessen flüchten sich die Jünger von Amazon, Zalando und Co. in eine sterile Welt, in der sie keinen Gedanken an ihre Umwelt, das menschliche Gegenüber oder ihre Nachbarschaft verschwenden müssen, sondern sich auf das konzentrieren können, was ihnen am wichtigsten ist: sie selbst.

Bekannt für viele Retouren: Zalando.
Bekannt für viele Retouren: Zalando. Foto: Imago/Sven Simon

Es spielt für sie keine Rolle, dass die Öko-Bilanz ihres Tuns höchst fragwürdig ausfällt. In der Theorie könnte der Online-Handel zwar eine vergleichsweise saubere Sache sein. Doch die Realität ist eine andere. Allein bei Zalando wird nach Unternehmensangaben jedes zweite Paket zurückgeschickt – und mit jeder dieser Sendung werden zusätzliche Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen. Paket für Paket wird jeder theoretische Umwelt-Vorteil  ausradiert. Dass der Online-Shopper es zudem unterlässt, Einkäufe  „auf dem Weg“ zu erledigen, schlägt vollends ins Öko-Kontor. Doch dafür interessieren sich Online-Shopper herzlich wenig.

Ebenso wenig interessieren sie sich dafür, dass die Arbeitsbedingungen bei vielen Paketdiensten hart sind und regelmäßig in der Kritik stehen. Es macht ihnen nichts aus, dass der nächtliche Einkauf per Klick massenhaft Schichtarbeit  in den Logistik-Zentren der Online-Riesen produziert. Dass es der  stationäre Einzelhandel ist, der zudem fleißig mit seinen Steuergeldern die Infrastruktur vor Ort fördert, mit der Beteiligung an seinen Gewinnen für Kindergärten und Schulen zahlt, während bei den großen Online-Riesen trotz Milliarden-Umsätzen von Gewerbesteuern meist nicht die Rede sein kann und steuerpflichtige Gewinne im Zweifelsfall nach Luxemburg oder auf die Cayman-Inseln umgeleitet werden, ist der Online-Shop-Fraktion herzlich egal. Zu bequem, zu billig ist für sie der Kaufrausch im Netz.

Natürlich: Der stationäre Handel hat seine Schwächen. Das steht außer Frage. Nicht immer ist es mit der freundlichen, kompetenten Beratung weit her. Nicht immer behandeln Geschäftsinhaber ihre Angestellten so, wie dies wünschenswert wäre. Nicht immer kann von Erlebniseinkauf im positiven Sinn die Rede sein. Und vielerorts verdrängen übermächtige Groß-Filialisten die inhabergeführten und regional verwurzelten Geschäfte. Der stationäre Handel muss an sich arbeiten. Doch dafür ist er auch auf Kunden angewiesen, die ihm vertrauen – und die nicht blind und ausschließlich auf Bits und Bytes setzen.

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