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Wilstersche Zeitung

24. August 2017 | 09:29 Uhr

Vertikales Leben – horizontale Gefühle

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Baltischer Literatursommer: Marius Ivaškevicius las im Spiegelsaal aus seinem Roman „Die Grünen“

Die Grünen kämpfen für die Farbe ihrer Wälder, sie bekriegen Rot, die Farbe des Blutes der Feinde. Der litauische Autor Marius Ivaškevicius schreibt sehr bildreich und anschaulich. Er vermittelt in seinem Roman „Die Grünen“ ein brisantes Kapitel der litauischen Geschichte, den Partisanenkrieg des baltischen Landes gegen seine russischen Besatzer. Das Thema habe ihn lange nicht interessiert, es sei zu stark ideologisch überdeckt gewesen, berichtete Ivaškevicius (Jahrgang 1973), der zu den renommiertesten Schriftstellern Litauens zählt und auch als Journalist, Drehbuchautor und Dramatiker arbeitet. Er stellte im Rahmen des baltischen Literatursommers sein 2002 erschienenes, aber jetzt erst ins Deutsche übersetztes und bereits schon wieder vergriffenes Buch im Spiegelsaal des Neuen Rathauses in Wilster vor.

Nach einer kurzen, vom Autor selbst auf Litauisch gelesenen Passage, vermittelte der Kieler Schauspieler Tom Keller Ausschnitte aus der deutschen Fassung, in die der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Markus Roduner jeweils einführte. Der Schweizer lebt selbst seit 20 Jahren im Norden Litauens und organisiert Literaturfestivals. Nach Stationen in Kiel, Oldenburg und Heide endete die Lesereise des Trios nun in Wilster.

Ivaškevicius hat sich im Rahmen eines Drehbuchprojektes in die Geschichte des litauischen Widerstandes in den 1940er und 50er-Jahren eingearbeitet. Die Litauer seien „ganz einfach von der fixen Idee besessen, ihren eigenen Staat haben zu wollen“, schreibt er in der Einleitung. „Sie hatten ihn 20 Jahre lang zwischen den beiden Weltkriegen gehabt, überdauerten den Zweiten Weltkrieg geduldig und waren an dessen Ende ganz erstaunt, dass man ihnen ihren Staat nicht zugestand.“ Das Archivmaterial und die reinen Fakten hätten ihn sehr erschüttert, bekannte der Schriftsteller im Gespräch mit dem Publikum. Als der Film dann doch nicht zustande kam, entstand der Roman. Dieser konzentriert sich auf die Endphase des seit 1944 währenden Kampfes und zeigt keine vaterländischen Helden, sondern erschöpfte Soldaten, die keine Zukunft mehr sehen. Ihre Anfangshoffnung, dass der Westen und die USA nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg noch zum Schlag gegen die Sowjetunion ausholten, war zerronnen, erläuterte Ivaškevicius mit Hilfe Roduners auf Besucherfragen. Die Hoffnung sei durch Durchhaltepropaganda geschürt worden, die Radio Freies Europa und Radio Luxemburg in den Osten sendeten. Auch der CIA habe die Partisanen in den ersten Jahren unterstützt. Doch die Soldaten werden nicht als heroische Idealisten beschrieben.

„Ich stellte fest, dass sich Heldentum und Niedertracht, Mut und Feigheit in etwa die Waage hielten,“ schreibt Ivaškevicius. „Deshalb sind meine Helden etwas Held und etwas Lump, manchmal Monster und manchmal Verlierer.“ Die Handlung kreist um den russischen Partisanenkommandeur Jonas Žemaitis, der die übliche Freund-Feind-Perspektive auf den Kopf stellt und eine Geschichte von Liebe, Verrat und Untreue erzählt. Sie erhält ihre Spannung durch die Verwicklungen, die die jungen Frauen auslösen, welche als Informantinnen zwischen den Bunkern und Erdlöchern unterwegs waren. „Diese wurden von den Partisanen nicht nur um ihrer eigentlichen Arbeit willen geschätzt,“ bekennt sich Ivaškevicius zu einer fantasievollen Ausschmückung der historischen Grundlagen. „Krieg, Litauen, 1950. Was gibt es da noch mehr zu sagen. Das Leben ist vertikal. Die Gefühle – horizontal.“


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erstellt am 21.Aug.2013 | 00:33 Uhr

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