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Landwirtschaft : „Tiere sind im eigenen Dreck verreckt“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

2700 Euro Geldstrafe und fünf Jahre Tierhalteverbot für einen Landwirt aus der Wilstermarsch, der seine Rinder verhungern ließ.

shz.de von
erstellt am 17.Dez.2015 | 13:00 Uhr

Die Amtstierärzte sind in ihrer beruflichen Laufbahn Kummer und Leid gewohnt. Der Anblick, der sich ihnen am 20. Februar auf einem Bauernhof in der Wilstermarsch bot, muss aber auch ihnen die Sprache verschlagen haben. „Einer der schlimmsten Tierschutzfälle, die ich je gesehen habe“, urteilte Dr. Stefan Wendt. Seine Kollegin Dr. Stefanie Rieper musste da beipflichten: „Das war mein bisher schlimmster Fall. So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben.“ Gleich im Dutzend türmten sich die Kadaver von toten Rindern. Im Stall standen noch 22 bis auf die Knochen abgemagerte Tiere. Der Jungbulle war angebunden, das Seil schon zentimetertief in seinen Hals eingewachsen. Eine tragende Kuh war während des Geburtsvorganges verendet – das Kalb ragte noch aus dem Geburtskanal hinaus. Über dem Hof lag süßlicher Verwesungsgeruch und auf dem Gelände fanden sich Mist, Gülle und Knochenreste und zusätzlich auch Asbestzement, zwei ausgediente Motoren und zwei herumliegende Öltanks.

Verantworten für sein völliges Versagen als Tierhalter musste sich dafür gestern vor dem Amtsgericht Itzehoe ein 47 Jahre alter Landwirt. Die Anklage warf ihm massive Verstöße gegen Tierschutzbestimmungen vor. Die Staatsanwältin sprach in ihrem Plädoyer von „krimineller Unterlassung“. Der Bauer hatte seine Tiere regelrecht verhungern lassen.

Dass überhaupt einige Rinder das Martyrium überlebt haben, ist wohl eher einem Zufall zu verdanken. Am 19. Februar wollte ein Schäfer Weiden einzäunen und warf dabei nur einen Blick in den angrenzenden Stall. „Ich bin dann zu einem Nachbarn gegangen und habe ihm gesagt: So geht das dort nicht weiter.“ Schäfer und Nachbar eilten dem Bauern und seinen Tieren zu Hilfe, der Tierarzt wurde gerufen. Am nächsten Tag erschienen Ordnungsbehörde und Veterinäramt, die den Betrieb still legten und die Tiere zu einem Landwirt nach Horst schaffen ließen. Der entkräftete Bulle musste noch am Folgetag eingeschläfert werden.

Eine schlüssige Begründung für sein Verhalten konnte der angeklagte Landwirt nicht präsentieren. Bis Weihnachten, so versicherte er, so noch alles in Ordnung gewesen. „Ich kann mir das auch nicht erklären, ich war wohl überfordert.“ Erst an jenem Tag im Februar sei im so richtig bewusst geworden, was eigentlich passiert ist. „Vielleicht so was wie ein Burnout.“ An den in der Anklage aufgelisteten Vergehen mochte er denn auch gar nicht erst rütteln: „Das wird wohl so richtig sein.“ Er beteuerte allerdings, sein Tiere regelmäßig mit Grasssilage versorgt zu haben.

Bis zum Eingreifen der Behörden war das Veterinäramt davon ausgegangen, dass es auf dem Hof eigentlich gar keine Tiere mehr gibt. Nach dem Tod der Vaters hatte der Bauer die Milchwirtschaft aufgegeben. Und bei einem Kontrollbesuch des Veterinäramtes im Jahre 2013 hatte er angekündigt, auch den restlichen Tierbestand abschaffen zu wollen, was in einem entsprechenden Vermerk auch so festgehalten wurde. Sein Brot verdiente der Landwirt als Mitarbeiter einer Biogasanlage und als gelegentlicher Helfer bei einem anderen Bauern. Vor Richterin Vivien Parzych gab er sein Bruttoeinkommen mit 1600 Euro an, wovon er noch 500 Euro an die Altenteilerin abgeben muss. Zehn Kühe, elf Jungtiere und den Bullen fanden die Behörden am 20. Februar vor. Laut Bestandsregister hätten es eigentlich 63 Tiere sein müssen. „Die Situation im Stall war gespenstisch. In den Tieren war kein Leben mehr“, schilderte Tierärztin Dr. Rieper.

Insgesamt sei es ein sehr verschmutzter Gesamteindruck gewesen. Immerhin: Der Landwirt habe sich gegenüber den Behörden sehr kooperativ gezeigt. Dr. Stefan Wendt, der als Zeuge wie auch als Sachverständiger aussagte, brachte die Situation auf einen schlichten Nenner: „Die Tiere sind in ihrem eigenen Dreck verreckt.“ Aus tierärztlicher Sicht könne man sich kein größeres Leid als das langsame Verhungern vorstellen. Die Darstellung des Angeklagten, dass bis Weihnachten noch alles in Ordnung gewesen sei, könnte aber hinkommen, räumte Wendt ein. Dennoch spreche man hier über einen Vorgang von Wochen oder gar Monaten.

Für die Staatsanwältin war der Fall klar. Aus ihrer Sicht zeigte der Landwirt auch vor Gericht keinerlei Verantwortungsbewusstsein für seine Tiere. Strafmildernde Gründe konnte sie keine entdecken. Im Gegenteil: Die Dauer der „grauenhaften Zustände“ im Stall sei eher strafverschärfend. Selbst der Rechtsanwalt des Landwirts sprach von einem „krassen Fall“. Er gab aber auch zu bedenken, dass sein Mandant mit dem öffentlichen Druck und dem Umstand, dass er sich auf dem vom Vater übernommenen Hof als Versager fühlen müsse, ebenfalls schon bestraft sei.

Richterin Vivien Parzych folgte der Forderung der Staatsanwältin und verurteilte den Landwirt zu einer Gesamtstrafe von 2700 Euro, die er mit monatlich 100 Euro abstottern darf. Grundlage für das Strafmaß sind die Einkommensverhältnisse und der Umstand, dass er bisher eine weiße Weste hat. Zusätzlich verhängte die Richterin ein Tierhalteverbot für die nächsten fünf Jahre, womit die Befristungsdauer voll ausgeschöpft wurde. „Es gibt kein schlimmeres Leid für die Tiere“, begründete sie. Der Landwirt nahm das Urteil noch im Gerichtssaal an. Tiere wollte er ohnehin nicht mehr halten. Seinen Hund, einen Border Collie, hatte er schon vorher abgegeben. Den von seinem Hof geholten Rindern geht es übrigens gut – bis auf vier, die inzwischen geschlachtet wurden. Die übrigen 16 leben noch.

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