Wilster : Stadtarchivar: Bestände digitalisieren

Archivierung als Lebensaufgabe: Christian Boldt (37) ist seit 1. April dieses Jahres Archivar im Stadtarchiv Wilster. Foto: Hinz (2)
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Archivierung als Lebensaufgabe: Christian Boldt (37) ist seit 1. April dieses Jahres Archivar im Stadtarchiv Wilster. Foto: Hinz (2)

Eine große Aufgabe liegt vor Christian Boldt, der sich seit dem 1. April mit dem historischen Erbe Wilsters im Neuen Rathaus befasst

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31. August 2012, 08:09 Uhr

Wilster | Als wissenschaftlicher Mit arbeiter ist Christian Boldt (37) schon einiges gewohnt. Bei der Erkundung des Archiv- und Aktenbestandes in Wilster ist er auch auf Grausames gestoßen: "Es gab Fälle von Hexenprozessen, in denen Frauen hingerichtet wurden. Das ist in Wilster im 17. Jahrhundert noch geschehen", sagt er. "Es gibt immer die Chance, dass etwas auftaucht, das noch nicht bekannt war."

Christian Boldt ist seit 1. April dieses Jahres Archivar im Stadtarchiv Wilster und damit zuständig für das "Gedächtnis der Stadt". Er sitzt an einem Schreibtisch im zweiten Stockwerk des Neuen Rathauses in Wilster und arbeitet neben seinem Fachwissen mit simplem High Tech: Computer, Telefon und Scanner sind seine hauptsächlichen Hilfsmittel. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Glückstädter Archiv angestellt, hat sich hier für ihn eine Mammutaufgabe aufgetan, die er aber auf 400-Euro-Basis nur an einem Tag in der Woche wahr nehmen kann.

Christian Boldt hat Kulturwissenschaft an der Uni in Leipzig auf Magister studiert und 2006 abgeschlossen. Er ist seitdem nach Praktikum im Detlefsenmuseum in Glückstadt als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Auf Basis von Werkverträgen arbeitet er bei der Konzipierung und Durchführung der Ausstellungen mit und ist beim Projekt "DigiKult" beteiligt, das die Digitalisierung des Bestandes von Museen zur Aufgabe hat. Zu seinen Aufgabenbe reichen gehört auch das Stadtarchiv von Glückstadt, in dem er wissenschaft licher Mitarbeiter ist. "Da passte es gut, dass die Stadt Wilster Anfang des Jahres einen Nachfolger für meinen Vorgänger suchte."

Das Archiv ist in acht Räumen über mehrere Etagen untergebracht. Den Schwerpunkt bilden Urkunden, Pläne, Karten mit der Geschichte der Stadt Wilster vom Mittelalter bis heute. "Die älteste Urkunde stammt aus dem 14. Jahrhundert - ein altes Ratsbuch, in dem die Ratsherren verzeichnet sind", schildert der Archivar.

"Meine Hauptaufgabe ist es, zur Erleichterung der Nutzer die Bestände zu digitalisieren", erläutert der Archivar. Mit dem Archivprogramm "Augias" können sie der Öffentlichkeit besser zugänglich gemacht werden, um gesuchte Dokumente aufzufinden. Dafür muss er den Bestand aus den vergangenen 800 Jahren einpflegen. Es ist sein längerfristiger Plan, dass Nutzer die Chance bekommen, den Bestand über ein Findbuch digital abzurufen. "Bisher sind es noch recht wenige Nutzer, aber ihre Zahl wird sich durch die Digitalisierung erhöhen", ist Christian Boldt zuversichtlich. Auch die Stadt selber sei ein Nutzer. So werde das Archiv beispielsweise für Festschriften bei Jubi läen und andere Publikationen herangezogen.

Doch auch bei aller Digitalisierung muss er sich weiterhin Gedanken um die Konservierung des Bestandes machen. "Ich muss sehen, dass die Dokumente keinen Mottenfraß erleiden, dass sie vor Licht und Feuchtigkeit geschützt sind. Auch das wird mich in den nächsten Jahrzehnten noch beschäftigen", sagt er.

Mit Hilfe eines Scanners kann er seit kurzem auch Bildbestände digitalisieren, um sie zu erhalten, "denn alte historische Fotos werden mit der Zeit nicht besser", wie er bemerkt. Insgesamt sind es 1500 Fotos aus Nachlässen von Privatpersonen, Firmen, der Stadtverwaltung - das Älteste um 1870.

Weiterhin betreut Christian Boldt die "Doos’sche Bibliothek" der Etatsrätin Charlotte Doos (1758-1829), die auch Namensgeberin einer Straße in Wilster ist. Sie hat ihre Sammlung mit Büchern aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit ihrem Tod 1829 der Stadt überlassen, ursprünglich 10 000 wertvolle Bände, von denen noch 3000 Bände erhalten sind. Auch ihre Bibliothek will er den Nutzern zugänglich machen. Und dann gibt es noch 1500 hinterlassene Bücher aus der "Witt-Warstedischen Bibliothek" der gebildeten Bauernfamilie aus dem 19. Jahrhundert, die ihren Nachlass der Stadt 1965 überließ. Demnächst sollen diese Bestände nach der Renovierung und Restaurierung wieder ins Alte Rathaus einziehen.

Bei all der Konservierungsarbeit stellte sich bei Boldt schnell ein Wandel in seiner Einschätzung ein. "Als ich angefangen habe, habe ich gedacht: Das ist ein Berg voller Arbeit, aber machbar." Mittlerweile hat er gelernt, in größeren Dimensionen zu denken: "Ich kann es nur Stück für Stück angehen. Meine Aufgabe dauert viele Jahre, vielleicht ein Leben lang."

Stadtarchiv Wilster, Rathausstraße 4; Kontakt unter 04823/920279 (Termine nach Anmeldung).

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