Inselschreiber Sylt : Mehr als "Blut-und-Kotze-Literatur"

Gunther Geltinger ist der neue Inselschreiber auf Sylt. Foto: Schulte
Gunther Geltinger ist der neue Inselschreiber auf Sylt. Foto: Schulte

Gunther Geltinger, der neue Inselschreiber der Stiftung Kunstraum Sylt Quelle, ist auf der Insel angekommen - und spricht über das Buch, das nun im Norden entstehen soll.

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05. August 2011, 08:05 Uhr

Rantum | Er hat die Kritik tapfer ertragen, auch wenn er sie nicht nachvollziehen konnte. "Blut-und-Kotze-Literatur" nannte eine Jurorin des Bachmann-Preises in Klagenfurt Gunther Geltingers Beitrag, sein Text sei angesiedelt im Genre norddeutscher Heimatliteratur. Eine Kritik dicht an der Gürtellinie - und fern der Realität.
Jetzt, ein paar Wochen später, sitzt Geltinger in der Sylter Sommersonne, mitten im viel kritisierten Erzählraum seines Klagenfurter Wettbewerb-Beitrags also, und kann sogar ein wenig lachen über diesen unschönen Bachmann-Moment. "Es ist schon merkwürdig, dass der Fokus so sehr auf diesen Aspekt und weniger auf Sprache oder Stil gerichtet war." Das stimmt, zumal die von ihm beschriebene norddeutsche Winterlandschaft weder überaus idyllisch noch besonders dominierend war. "Die Geschichte könnte eigentlich überall spielen, Landschaft muss für mich stets austauschbar sein", sagt Geltinger. Zumindest in seinen Romanen und Erzählungen
Die Verbindung zwischen Nord und Süd
Denn der Autor, der im bayerischen Erlenbach zwischen Darmstadt und Würzburg geboren wurde, hat eine starke Verbindung zum Norden Deutschlands aufgebaut. "Ich bin als Mittelgebirgskind zwischen langweiligen, dumpfig-grünen Hügeln aufgewachsen, deshalb habe ich mich früh in die offene, weite Landschaft hier oben verliebt", sagt der 37-Jährige, der die Nordsee gut kennt. Auf Föhr war er einmal, auf Amrum sogar mehrfach, Sylt allerdings hat er in dieser Woche erstmals betreten. Dort ist er für zwei Monate als Inselschreiber der Stiftung Kunstraum Sylt Quelle gebucht, den gesamten August und dann noch einmal im November.
Mehr als 200 Autoren hatten sich laut Stiftungsangaben um das Stipendium beworben, das neben dem Preisgeld von 2500 Euro noch den zweimonatigen Aufenthalt auf Sylt beinhaltet. Dort will Geltinger weiter an dem Roman schreiben, dem sein zwölfseitiger Klagenfurter Text entstammt und der von dem komplizierten Verhältnis zwischen einem pubertierenden Jungen und seiner Mutter erzählt. Die beiden leben in einem Dorf in der Nähe von Hamburg; kein Idyll norddeutscher Heimatliteratur, sondern eine dunkel drohende Naturkulisse, die die Zerrissenheit des Protagonisten noch unterstreicht. Der Sohn sieht seine Mutter grausam sterben - "Blut und Kotze" - und erzählt ihrer beider Geschichte aus seinen Erinnerungen.
Ab morgen wird spätestens geschrieben
Ein vielschichtiger Roman soll es werden, zeitlich und inhaltlich. 400 Seiten hat Geltinger bereits geschrieben, ab morgen, "spätestens", will er weiterarbeiten, wenn er sich eingelebt und die Umgebung erkundet hat. "Ich suche überall zuerst Plätze, an denen ich lesen und spazieren gehen kann", sagt Geltinger. In Rantum, wo er auf dem Gelände der Stiftung wohnt, ist es vor allem die Wattseite der Nordsee, zu der es ihn zieht: "Dort ist es ruhiger."
Davor aber will er arbeiten, acht Stunden am Tag, vom Morgen bis zum Nachmittag, ohne Ablenkung. Er wird die Geschichte des Jungen weitererzählen und an Sprache und Stil feilen, die ihm soviel wichtiger sind als die Landschaft. Anschließend wird er weiter die Insel erkunden, auf der Suche nach Ablenkung - und Inspiration.
Denn das Ende des Romans wird an der Nordsee spielen, "vielleicht sogar auf Sylt", sagt Geltinger. Die Landschaft wäre dann nicht mehr austauschbar, aber das würde jenseits von Klagenfurt wohl niemanden stören.
(mas, shz)

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