Hamburg-Bergedorf : Kleine Schnecke bringt Logistikpark ins Stocken

Winzige Ursache, große Wirkung: Die Zierliche Tellerschnecke bringt in Hamburg-Bergedorf eines der ehrgeizigsten Gewerbeflächenprojekte der Hansestadt ins Stocken.

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12. Oktober 2012, 08:52 Uhr

Hamburg | Auf einem Gelände nahe der Autobahn Hamburg-Geesthacht (A25) ist eine der deutschlandweit größten Populationen des vom Aussterben bedrohten Weichtiers entdeckt worden. Die Folge: Baustopp für das, was einmal Europas erster grüner Logistikpark werden sollte.
Für Naturfreunde ist die nur fünf Millimeter große Schnecke (lat.: Anisus vorticulus), die drei Hektar des sumpfigen Bodens im Projektgebiet bevölkert, eine echte Kostbarkeit; der Nabu kürte sie zum "Weichtier des Jahres" 2011. Es steht auf der Roten Liste und genießt Schutz nach der FFH-Richtlinie.
In mühsamer Handarbeit sammeln Biologen den Bestand ein
Seit zwei Jahren liegt das Logistik-Großvorhaben wegen Anisus vorticulus auf Eis. Der Bezirk Bergedorf hat sich nun immerhin entschlossen, zumindest die nicht schnecken-bewohnten Bereiche der 18-Hektar-Fläche zu erschließen. Das heißt aber auch: Um das direkt an der Autobahn lebende Schnecken-Völkchen nicht zu bedrängen, muss die Zufahrt neu gestaltet werden. Unklar ist derweil, ob sich Investoren und Mieter von dem Herumbauen um die Natur-Seltenheit abschrecken lassen.
Das Schneckentempo trifft ein Gewerbegebiet mit höchstem Anspruch. In Bergedorf sollten nicht nur Logistikbetriebe für 100 Millionen Euro entstehen, die mehr als 1000 Menschen Lohn und Brot geben. Nach den Wünschen des früheren schwarz-grünen Senats sollte dort ein "Green Logistics"-Park mit Vorbildcharakter Gestalt annehmen. Der Verbrauch von Flächen, Abwasser, Frischwasser und Energie soll beispiellos niedrig sein. Auch müssen sich die Lagerhallen sanft in die Landschaft einfügen. "Natürlich können wir nicht ausgerechnet in einem solchen Gebiet eine seltene Tierart niederwalzen", sagt Daniel Stricker, Sprecher der für die Vermarktung zuständigen Finanzbehörde.
Und so versuchen es die Verantwortlichen mit einer nicht alltäglichen Maßnahme: Die Schnecken ziehen um. In mühsamer Handarbeit sammeln Biologen den Bestand ein und verfrachten ihn in die Vier- und Marschlande. Freilich: Ob die empfindliche Art den Ortswechsel überlebt, ist unklar. "Um das zu ermitteln, müssen wir drei Jahre abwarten", sagt Bergedorfs Bezirksamtsleiter Arne Dornquast.

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