Früher lernten Mädchen Kochen - heute das Saufen

23-53070905.jpg

Jugendliche und Alkohol war Thema beim Eulenhof-Aktionstag

Avatar_shz von
29. Mai 2013, 03:59 Uhr

Wewelsfleth | Dr. Gerd Gedig, Leiter der Suchthilfe-Einrichtung "Eulenhof" in Wewelsfleth-Großwisch, war überzeugt: Jeder der zahlreichen Besucher beim "Aktionstag Alkohol" habe schon irgendwann oder irgendwie mit Alkohol zu tun gehabt - "entweder als Geselligkeitstrinker oder als Säufer", führte er drastisch in das Thema des Tages ein.

Der Aktionstag finde zwar jedes Jahr statt, er selbst und sein Mitarbeiterteam hätten sich diesmal aber ein besonderes Konzept überlegt. Unter dem Motto "Lieber gesundlachen als tottrinken" kam dabei der Humor nicht zu kurz. Schwerpunkt des Aktionstages aber war eine Diskussion unter der Moderation von Professor Jürgen Hille über Jugendliche und deren Alkoholkonsum. Der Suchtforscher an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg stellte die Frage voran: "Warum fahren so viele junge Menschen zum kollektiven Besäufnis in die Metropolen?" Wilfried Heimann, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, sah die Ursache in einer persönlichen und familiären Entwurzelung. Autorin Tanja Kibermaniks ist auf dem Land groß geworden. "Da gehörte Schnaps trinken einfach dazu." Es ging nach dem Grundsatz "Wer saufen kann, ist ein Held. Wer nicht mittrinkt, wird nicht anerkannt." Fotograf und Kiezkenner Günter Zint hielt bei forschen Sprüchen mit: "Früher lernten die Mädchen das Kochen von den Müttern, heute das Saufen von den Vätern."

Als Vorsitzender des Verkehrsvereins Hohenwestedt kennt sich Fritz Humfeld mit der Ausrichtung großer Feste in seiner Heimatstadt aus. Als Beispiel nannte er die Hohenwestedt-Woche jeweils Ende August mit einem Park- und Weinfest, bei dem Unmengen durch die Kehlen junger Menschen fließen. Hier sei inzwischen ein Security-Unternehmen im Einsatz, um Ausschreitungen zu unterbinden. Der Polizei sei dort die Aufgabe über den Kopf gewachsen.

Ein Fachmann der Hamburger Reeperbahn ist Waldemar Paulsen (Foto). Der inzwischen pensionierte Kripo-Hauptkommissar der bekannten Davidswache kennt die Sex- und Veranstaltungsmeile der Hansestadt durch seinen über 40-jährigen Einsatz wie seine Westentasche. Heute sei die bekannteste Straße Hamburgs verkommen auf ein Ballermann-Niveau "mit Saufen ohne Ende - bis der Arzt kommt". Der Ex-Kripobeamte weiter: "Getrunken wurde immer, aber nie so exzessiv wie heute." Alkohol hat für die einen eine enthemmende Wirkung, die anderen schlafen schlichtweg ein. Jürgen Hilles Tipp: "Man muss den Menschen beibringen, dass sie auch ohne Alkohol auf Menschen zugehen." Das heutige "Koma-Saufen" machte er an der Leistungsgesellschaft fest, die die jungen Menschen in der Woche einenge. Daraus brächen sie an den Wochenenden aus, um sich durch exzessives Trinken vom Alltagsdruck zu befreien - eine Fehlentscheidung, die späte Folgen haben könnte.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen