Alfred-Döblin-Haus : Erotisches und Skurriles

Die Werke der Stipendiatinnen sorgten für rege  Gespräche  mit dem Publikum. Davon begeistert waren ( hinten v.li.)  Carola Jansen, Antje Lenze-Brühs, Elke Heinemann, (vorne v.li.) Luise Böge und Ricoh Gerbl. Foto: Rosenburg
Die Werke der Stipendiatinnen sorgten für rege Gespräche mit dem Publikum. Davon begeistert waren ( hinten v.li.) Carola Jansen, Antje Lenze-Brühs, Elke Heinemann, (vorne v.li.) Luise Böge und Ricoh Gerbl. Foto: Rosenburg

Drei Stipendiatinnen des Döblin-Hauses präsentierten stilistisch interessante Werke

shz.de von
04. Oktober 2012, 07:57 Uhr

Wewelsfleth | Der Kreis der Zuhörer war diesmal etwas kleiner als gewohnt - doch dafür war der Austausch zwischen Autoren und Publikum zu den einzelnen Werken um so angeregter. Drei Stipendiatinnen stellten die Moderatorinnen Carola Jansen und Antje Lenze-Brühs vor. Die beiden gaben einen kurzen Einblick in das schriftstellerische Wirken der Frauen, die im Alfred-Döblin-Haus an neuen Werken gearbeitet haben. Luise Böge und Ricoh Gerbl lieferten eine Kostprobe aus den im Werden befindlichen Romanen, während Elke Heinemann das nicht wollte, sondern aus einem ihrer bereits erschienenen Büchern las, dafür aber eigens in der Störgemeinde von ihr kreierte "Wewelsflether Miniaturen" zum Besten gab. Bonmots, die Eingang in das Gästebuch des Hauses finden werden.

Luise Böge - mit 27 Jahren die Jüngste im Trio - startete den Leseabend, der die Zuhörer in stilistisch interessante Literaturbeiträge mitnahm, in der Erotisches ebenso mitschwang wie Kurioses. Die Autorin wählte aus ihrem noch in der Entstehung befindlichen Erzählband mit dem Arbeitstitel "Bild von der Lüge" den Part "Dein Penis" vor. Mit erstaunlicher Sprachgewandheit wandte sie sich einem nicht ganz einfachen Gebiet zu. Denn schließlich verändere der Verlust von Geschlechtsteilen die Perspektive. "Ich finde es erstaunlich, wie Sie das darstellen", meinte einer der Zuhörer im Gespräch über das Stück, in das ohne weiteres die Kastrationsangst der Männer, aber ebenso der Penis-Neid der Frauen hineininterpretiert werden könne. Eine weitere Kostprobe ihres tatsächlich kafkaesken Schreibstils gab sie mit "Spucken oder ein natürlicher Satz", eine weniger erotische als vielmehr skurrile Begegnung, die sie in Wewelsflethzu schreiben begonnen hatte.

Für den geeigneten Übergang sorgte Ricoh Gerbl, die aus ihrem Roman "Miriam Wolf - Ein Dauerzustand der Unzufriedenheit" ein ebenfalls erotisches Kapitel ausgesucht hatte. Wobei die ständige Unzufriedenheit ihrer Protagonistin detailliert beschrieben und deutlich spürbar wurde, was fast schon wieder komisch wirkte - und den Zuhörer umso stärker zum Nachsinnen anregte. Wohin das Stück steuert, sei zwar im Kopf schon klar, preis geben wollte die Autorin das Ende verständlicherweise noch nicht.

Nach einer Pause schwenkte der bis dahin gefühlsmäßig leichtere Lesestoff in "schwere Kost" um. "Kind töten", ist Titel des bereits publizierten Werks der Schriftstellerin Elke Heinemann. Der Missbrauch wurde darin thematisiert und "Bevor ich beschloss, meinem Leben ein Ende zu setzen, war ich schon tot" war eines der schockierenden Sätze in dem Stück, das unter die Haut ging. Doch Elke Heinemann ließ das Publikum danach auch noch einmal schmunzeln mit stilistisch gelungener Kurzprosa: "Wewelsflether Miniaturen". Als Dankeschön an alle, die sie während ihres Stipendiats in der Störgemeinde kennen gelernt hat, wird sie sie in das Gästebuch des Döblin-Hauses schreiben.

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