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Schmierstoffe der Extraklasse Die Geschichte der Mineralölverarbeitung in Wedel

Von Inge Jacobshagen | 10.04.2018, 13:30 Uhr

Das Technicon dokumentiert die Historie. Vier Wedeler berichten aus ihrem Arbeitsalltag bei Mobil Oil.

Wenn mehr als 300 Jahre Wedeler Mobil-Oil-Wissen und Erfahrung zusammenkommen, dann gibt es viel zu erzählen. Wolfgang Berger, Bernhard Simolik, Jörn Hoffmann und Geert Vogel gelingt das besonders anschaulich. Die vier Wedeler haben ihr Berufsleben im Mineralölkonzern verbracht, stiegen teils noch während des Krieges oder kurz danach ins Unternehmen ein und arbeiteten sich meist vom Chemielaborant zum Industrie- beziehungsweise Maschinenbaumeister oder zum Techniker und Produktionsleiter hoch.

Anlieferung des Rohöls

„Bei der Gründung 1906 wollte man eigentlich eine Raffinerie“, erzählt Hoffmann von den Anfängen der Deutschen Vacuum Oil Company. „Doch die Blankeneser streikten. Deswegen wurde es erstmal ‚nur‘ ein Mineralölverarbeitungswerk.“ Eine Raffinerie entstand nach 1945. Zwei Gründe waren für die Aktiengesellschaft entscheidend, die Schmieröl-Aufbereitung in Wedel am Schulauer Elbufer auf dem Gelände des heutigen Businessparks anzusiedeln. Die Anbindung an die Elbe erlaubte es, einen Hafen anzulegen, über den die Anlieferung des Rohöls vonstatten ging. Zum anderen existierte in unmittelbarer Nähe eine Bahnstation, über die die Erzeugnisse abtransportiert werden konnten, die so genannte Ölweiche auf Höhe des heutigen Famila.

Übers ganze Gelände verteilt standen damals die großen Öl- und Schwefeltanks, erinnern sich die Mitarbeiter. „Die Ölleitungen gingen über den Hof praktisch am Pförtnerhaus vorbei, dann konnte man sehen, wo sie undicht waren“, erläutert Simolik. Wegen der Schwefelsäure, die zur Verarbeitung benötigt wurde, trugen alle nach dem Krieg Holzpantinen und Filz als säurefeste Kleidung. „Filz ist dick, da dringt nichts so schnell durch“, erklärt Vogel lakonisch. Hoffmann erinnert sich daran, wie unbedacht sie mit dem Schutz vor Schadstoffen umgingen. Ölverschmierte Geräte wurden von Hand in Petrolium-Becken vorgereinigt. „Nach drei Tagen hatten wir knallrote Arme.“ Wenn sie sich über die Tanks beugten, um Proben zu ziehen, fiel auch schon mal etwas hinein. Flaschen, aber auch Gebisse und Brillen wurden beim Reinigen der Tanks gefunden.

Veredelung von Grundölen

Neben der Erdölreinigung und -destillation ging es besonders um die Veredelung von Grundölen. Abnehmer waren Tankstellen, die Schifffahrt und die Industrie. Besonders die Turbinen der Elektriziätswerke benötigten gute Schmierstoffe. „Unsere Öle waren die besten auf dem Markt“, ist sich Berger mit seinen Kollegen einig. Und Vogel schiebt nach: „Für Aral haben wir sehr gute Motorenöle gemacht.“ An der Araltankstelle gabs dafür für die Mitarbeiter einen Bonus. Für einen Uhrmachermeister wurden jedes Jahr sogar extra lediglich ein paar Milliliter spezielles Uhrenöl abgefüllt. Ab den 1960er Jahren rückte dann verstärkt die Forschung und Entwicklung in den Fokus mit einer Abteilung, die unabhängig vom Werk arbeitete.

Die Ölfabrik, wie sie genannt wurde, war den Beschäftigten die ganze Zeit ein guter Arbeitgeber, betonen alle vier. „Mutter Mobil“, sei trotz der in Spitzenzeiten 300 Mitarbeiter familiär und sozial gut eingestellt gewesen. „Wir wurden alle gut bezahlt“. Zehn bis 15 Prozent gab’s pro Jahr mehr. „Die Gehaltsentwicklung war sehr gut.“

Schwefelsäure lief ins Erdreich

Negativ schlug in dem Unternehmen, das 1997 – mittlerweile zu ExxonMobil gehörig – aufgelöst wurde, lediglich die Bodenverseuchung zu Buche. Obwohl während des Krieges die Tanks mit Tarnnetzen kaschiert und vom Gelände durch Brände und Industriescheinanlagen bei Hetlingen abgelenkt werden sollte, fielen die Bomben. „Wenn Luftminen trafen, flogen Fässerteile bis zum Galgenberg“, berichtet Simolik. Auch konzentrierte Schwefelsäure lief ins Erdreich – und überdauerte dort in Wasserblasen. Bemerkt wurde das Ausmaß der Verunreinigung erst Anfang der 1960er Jahre, als der Hang angeschnitten wurde um Gleise zum Kraftwerk neben dem Ölwerk zu legen. Wegen wasserundurchlässiger Bodenschichten drohte die verdünnte Schwefelsäure jetzt in die Elbe abzufließen. Als Gegenmaßnahme baute man Pumpen ein, die den Dreck hochbeförderten.

Aber auch jenseits der Blasen gelangten genug Giftstoffe in den Fluss. Das verunreinigte Waschwasser, mit denen die Fässer gereinigt wurden, wurde in der Elbe entsorgt. „Wir haben das Brackwasser etwas erhöht“, erzählen die vier, „und in der Mittagspause selbst in der Elbe gebadet.“ „Später war unser Werk vom Umweltschutz her das sauberste“, betont Berger. „Daher wurde es wohl auch dichtgemacht“, vermutet er, „weil wir deswegen zu teuer waren.“