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Wedel-Schulauer Tageblatt

28. Juli 2017 | 02:53 Uhr

Zwischen Behaglichkeit und Durchfall

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die meisten Leute werden diese Erfahrung nicht kennen, weil sie ordentlich und brav jeden Tag zur Schule gingen. Zu spät kommen, war schon schweißtreibender Stress. Schule schwänzen? Das ging überhaupt nicht, da handelte man sich gewaltigen Ärger ein. Einen Entschuldigungszettel von der Mutter erbitten? Wo warst Du? Ein Königreich für eine überzeugende Ausrede. Die Scham von Mama wegen der Peinlichkeit gegenüber dem Lehrer. Was sollen die Leute über uns denken? Aber, mal ehrlich, wie beneideten wir die Skrupellosen, deren Platz in der Klasse leer blieb. Wie gerne hätten wir zur gleichen Zeit die Füße ins Wasser gestreckt, die Fischlein beobachtet und dem Summen der Uferwiese gelauscht?

Margret war solch eine Begnadete. „Margret hat im Sommerhalbjahr 62 Tage gefehlt, nach den Herbstferien jetzt schon wieder 14 Tage“, dokumentierte der Lehrer Kuleisa gegenüber dem Schulamt in Pinneberg im November 1958. Deren Mutter schien keine Bedenken zu hegen, Entschuldigungszettel auszufertigen: „Entschuldigen Sie bitte Margret für die fehlenden Tage. Ich bin krank und habe sie deshalb hierbehalten müssen.“ „… Ich hatte sie zu spät geweckt.“ „… Sie hatte sich den Magen verdorben und Durchfall.“ „… Sie war 3 Tage krank und dann hatte mein ältester Sohn ihre Schultasche verbummelt.“

Gekritzelt auf Viertelseiten von Rechen- und Schreib-Schulheften, auf Zetteln mit auswuchernder Risskante. Den Namen des Lehrers stets falsch geschrieben: „Herrn Lehrer Koleisa!“, auch: Koleiser. Einmal gar unterzeichnet mit „Hochaschtungsvoll“. Und Margret genoss ein Schülerleben wie im Kinderwunderland. Mama wird´s schon richten.

Warum erstarrt mir das Schmunzeln? Zunächst noch schienen den Wedeler Volksschulpädagogen die Entschuldigungszettel zu genügen. Als sie spärlicher wurden und gar ausblieben, wurden Atteste eingefordert. Die Mutter reagierte gereizt.

Im Original: „Margret ist noch immer in ärzlicher Behandlung. Dadurch ist ein Atest ja nicht angebracht. Denn wenn ein Kind etwas Ansteckendes hat, kann es auch nicht zur Schule kommen. Ich bitte noch um Entschuldigung, daß ich nochmals unterlassen habe Sie zu benachrichtigen. Aber ich hatte die ganze Stube voll Kranke.“

Der Rektor Baumgärtel ließ sich von nun an nicht mehr abwimmeln: „Im Juni ließ ich Margareta durch die Polizei der Schule zuführen.“ Doch Margret fehlte erneut ohne Entschuldigung. Sie soll von Kindern beim Spielen gesehen worden sein. Die Reaktion des Rektors: „Ich bin der Meinung, dass hier weder ein Bußgeld noch ein Strafantrag helfen, sondern dass dem Kind, das schlecht und elend aussieht und das bereits zum dritten Male die Klasse 4 besucht, in Form einer Betreuung geholfen werden muss.“

Die hochaufgeschossene 13-jährige Margret überragt wie ein Leuchtturm aus Schamesröte und Schande ihre zehnjährigen Mitschüler. Ein Jahr später wird sie durch das Vormundschaftsgericht in Wedel ein letztes Mal ernsthaft ermahnt werden, regelmäßig am Schulunterricht teilzunehmen. Kurze Zeit später übernimmt eine Fürsorgerin die Erziehungsverantwortung. Margret indes wohnt weiterhin bei ihrer Mutter.


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erstellt am 29.Jun.2017 | 11:18 Uhr

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