zur Navigation springen

Reportage : Wo die richtigen Weichen gestellt werden

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Im Stellwerk Wedel muss täglich auf 160 Zugbewegungen reagiert werden. Sieben Personen sichern im Drei-Schicht-Betrieb einen reibungslosen Bahnverkehr.

Wedel | „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“, prophezeit uns seit dem Jahre 1972 Schlagerbarde Christian Anders. Doch spätestens, wenn die Party zu Ende ist und der Feierwütige den Heimweg mit der Bahn antritt, will er von solchen Ungewissheiten nichts mehr hören. Sondern vielmehr unkompliziert und schnell sein anvisiertes Fahrtziel erreichen.

Damit tatsächlich die „Bahn kommt“, wie der Slogan des Unternehmens suggeriert, ist indes mehr nötig als bereitgestellte Waggons und aufmerksame Zugführer. Das beweist der Blick in eines der vielen Stellwerke, die in Streckennähe angesiedelt sind und hinter den Kulissen die für den Fahrgast unsichtbaren Aufgaben erledigen. Nur einen Steinwurf vom Wedeler S-Bahnhof entfernt, zwischen Auweiden, schmucken Reihenhäusern und Bahngleisen, hat die Deutsche Bahn AG für die S-Bahn Hamburg GmbH bereits im Mai 1983 einen solchen Stellwerkturm errichtet.

„Na, dann kommen Sie doch mal mit“, brummt DB-Betriebsbezirksleiter Harald Frömming am Eingangstor. Es ist Dienstagmorgen, kurz nach neun Uhr. Der Weg führt in Richtung des braun geklinkerten Kastenbaus, auf dem sich ein „Kontrollturm“ befindet. „Das hier ist ein Spurplanstellwerk, auch Relaisstellwerk genannt. Es ist für sämtliche Weichen- und Signalstellung von Wedel bis Rissen zuständig“, erklärt Frömming. Weiter geht es durch das großzügige Treppenhaus hinauf bis in die Schaltzentrale.

Dort arbeiten momentan Fahrdienstleiterin Dörte Wiechmann (48) und Ex-Lokführer Anthony-Jim Kruse (32), der zu Jahresbeginn in Wedel eine Ausbildung zum Fahrdienstleiter angetreten hat. Sie verrichten Frühdienst. Der hat aberum diese Uhrzeit schon deutlich nachgelassen, auf den Gleisen unter der Kanzel und dem in Sichtweite gelegenen Wedeler S-Bahnhof wird es von Minute zu Minute spürbar ruhiger. „Die Rush Hour ist vorhin zu Ende gegangen. Und jetzt fahren und kommen die Züge bis zum Nachmittag planmäßig nur noch alle 20 Minuten“, erklärt Wiechmann. Die gebürtige Mecklenburgerin ist nach eigenem Bekunden schon immer eine eingefleischte Eisenbahnerin.

Den Stelltisch stets im Blick

Den vor ihr stehenden Stelltisch lässt sie nicht aus den Augen. Dabei handelt es sich um eine Arbeitsplatte, auf der sämtliche Gleisanlagen zwischen Wedel und Rissen dargestellt sind. Bunte Leuchtdioden zeigen Wagen- und Weichenstände sowie Signalstellungen an. „Es ist eine Anlage nach Siemens-Bauart aus dem Jahre 1960. Mit einer Relaisgruppe, die jederzeit austauschbar ist“, so Wiechmann, die in Wedel selbst seit sieben Jahren „Tag für Tag“ den laufenden Drei-Schicht-Betrieb zusammen mit drei weiteren „FDLern“, zwei Urlaubs- oder Krankenvertretern sowie Azubi Kruse am Laufen hält.„Zu tun gibt es natürlich immer was. Nicht nur während der rund 160 Zugbewegungen pro Tag. Auch nach der letzten Ankunftsbahn, so gegen 1.20 Uhr, und dem ersten Zug um drei nach vier, gebe es durchaus die ein oder andere Zugbewegung. „Erst werden alle Züge nach und nach auf die für maximal vierzehn Bahnen ausgelegte Abstellanlage ausrangiert bzw. morgens wieder eingesetzt, dann kommen hin und wieder in der Nacht die Arbeitszüge, welche Gleiswartungen und Reparaturaufträge durchführen“, erzählt Wiechmann weiter.

Bereits im Mai 1983 wurde das Spurstellwerk Wedel in Betrieb genommen. Täglich werden 160 Zugbewegungen überwacht.
Bereits im Mai 1983 wurde das Spurstellwerk Wedel in Betrieb genommen. Täglich werden 160 Zugbewegungen überwacht. Foto: Hoppe
 

Der volle Umfang der Arbeit ist aber besser jetzt, am Vormittag zu begutachten. „So, Achtung, jetzt muss ich aber mal den Zug hier auf die Reise schicken“, tönt die Fahrdienstleiterin. Per Knopfdruck auf dem Bedienfeld gibt die Fahrdienstleiterin einer S-Bahn der Linie 1 in Richtung Hamburg grünes Licht – im wahren Wortsinne. Die Weichen springen auf die erforderliche Position. So geht es permanent: Nur wenige Minuten zuvor passierte der Zug aus der Gegenrichtung die zwischen Rissen und Wedel nur eingleisige Strecke – auch hier musste die Weiche umgestellt werden. „Hat die S1 dann in Rissen ihren Halt beendet und fährt weiter Richtung Altona, übergeben wir den Zug an das nächste Stellwerk in Sülldorf“, so Wiechmann.

Ihr Kollege Kruse sitzt derweil am Computer. Geöffnet ist ein Fenster, das die Infotafeln anzeigt, die sich überall an sämtlichen Bahnhöfen finden. „Hier könnte man jetzt bei Bedarf auch Sondermitteilungen eintippen. So können wir unsere Fahrgäste parallel zu den Durchsagen immer auf dem Laufenden halten“, sagt der Neumünsteraner.

Hektik in den Stellwerkstürmen

Außerplanmäßige Ereignisse seien es auch, die auch mal für große Hektik in den Stellwerkstürmen sorgen können. „Wenn zum Beispiel Personen auf den Gleisen sind oder sich auf Grund von Rettungseinsätzen zeitliche ergeben, gilt es, kühlen Kopf zu bewahren und aus der jeweiligen Situation des Beste und Sicherste für unsere Zugführer und Fahrgäste zu veranlassen“, ergänzt Wiechmann.

Beim Abstieg aus dem Turm gibt es dann noch einmal einen kurzen Einblick in diese übrigen Bestandteile des Wedeler Stellwerks. Denn zwar würden Kanzel und Relaisraum das Herzstück bilden. „Es gehören aber auch eine Notstromversorgung, ein Batterieraum und Telekommunikationsanlagen dazu“, sagt Harald Frömming.

Doch wie gelangt eigentlich ein Betriebsbezirksleiter der Bahn jeden Tag an seinen Arbeitsplatz? „Mit der Bahn natürlich“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Was für eine Frage.

Deutschlandweit sorgen heutzutage noch mehr als 4200 Stellwerke für die Sicherheit im Bahnverkehr. Sie werden unterschieden in elektromechanische, elektronische, mechanische und Relaisstellwerke. Bahn-Stellwerke sind vergleichbar mit Flughafentowern, in denen Lotsen für reibungslose Starts und Landungen sorgen. Ihre Mitarbeiter, die sogenannten Fahrdienstleiter, stellen Weichen, Signale und Schrankenanlagen.
Karte
zur Startseite

von
erstellt am 19.Okt.2014 | 14:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen