Launige Berichte eines Charmeurs : Wladimir Kaminer punktet in Wedel

Wladimir Kaminer hatte das Publikum in Wedel fest im Griff.
Wladimir Kaminer hatte das Publikum in Wedel fest im Griff.

shz.de von
20. Juni 2017, 12:15 Uhr

Wedel | Die Bedingungen für einen unterhaltsamen Abend waren perfekt. Ein lauer Sommertag und eine einladende Stadtbücherei unter grünen Bäumen mit weit geöffneten Türen waren wie geschaffen für eine vergnügliche Lesung mit Stargast Wladimir Kaminer. Die Organisatorin und Chefin der Stadtbücherei Wedel, Andrea Koehn, hatte gemeinsam mit ihrem Team den deutschen Schriftsteller und Kolumnisten mit russischen Wurzeln als Highlight zum Ende der Feiern des 111. Geburtstags der Institution eingeladen.

210 Gäste hatten es sich am Sonntag umgeben von endlosen Bücherregalen vor der kleinen Bühne gemütlich gemacht und genossen bei einem Gläschen Wein oder Wasser die amüsanten und geistreichen Geschichten des charmanten Kaminers. Besonders die Frauenherzen schmolzen dahin, denn eine gewisse Ähnlichkeit mit George Clooney war nicht zu verkennen und brachte Hollywood Wedel ein wenig näher.

Aber Kaminer auf sein Aussehen beschränken zu wollen, wäre absolut ungerecht, denn er lebt von seiner Authentizität und seinen kurzweiligen, leicht vorgetragenen Geschichten. Dabei sprang der 1967 in Moskau geborene Autor mühelos von köstlichen Texten aus seinem neuen Buch „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“ über zu humorvollen und erstaunten Betrachtungen über seine Gattin Olga aus dem Buch „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ hin zu verblüffenden Erlebnissen, die er bei seiner ersten Lesereise auf einem Aida-Kreuzfahrtschiff machen durfte.

Eigentlich sollte der Autor nur an drei Tagen lesen, stellte dann aber fest, dass auf dem Schiff niemand fliehen konnte. So kam es zu einer zweiwöchigen Lesung. Dort habe er erst so richtig die Flüchtlingspolitik verstanden, so Kaminer. In dem noch nicht erschienenen Buch „Kreuzfahrten“ beschreibt der Autor mit Kultstatus ebenso die Seele der Russen und spaßt liebevoll über ihre „dicken Ketten“, die ihre Herkunft verrieten: So bliebe es nicht aus, dass ihnen überall Pelze angeboten würden.

Gut vorbereitete Spontanität

Mitten in der Lesung hatte Kaminer plötzlich die Idee, an diesem Abend einfach nur über Urlaubsgeschichten zu sprechen. Die gut vorbereitete Spontanität macht den Bestsellerautoren aus, da er den Zuhörern das Gefühl gibt, mittendrin im Geschehen zu sein – und seinen Geschichten, die oft wahr, aber stets leicht übertrieben sind, Glauben zu schenken. Er erzählte beispielsweise die rührende Geschichte von seiner Mutter, die seit 23 Jahren im selben VHS-Kursus Englisch lernt. Kaminer habe allerdings in einem Fernsehinterview zugeben müssen, dass es nur 16 Jahre waren. Das habe sich einfach besser angehört, so seine Begründung.

Bei allem Spaß kam aber auch der Tiefgang in seinen Geschichten nicht zu kurz. Kaminer sprach von dem Drama der Diskrepanz zwischen dem Gewünschten und der Wirklichkeit. Auch in Bezug auf die Russen. Die schwebten zwischen einer „Vergangenheit, die sie nicht kennen und einer Zukunft, die schon vorbei sei“. Die Zeit der Sowjetunion sei 1991 ohne jede Erklärungen für ihn mit 24 Jahren einfach vorbei gewesen, so Kaminer. Aber er trauere der Zeit nicht hinterher. Am Ende gab es viel Applaus, Zugaben und ein „Stößchen“ auf ein „solidarisches Deutschland mit Russland als Freund“, so der Autor.  

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