zur Navigation springen
Wedel-Schulauer Tageblatt

16. Dezember 2017 | 12:42 Uhr

„Wie vor den Kopf gestoßen“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Schlichtwohnungen: Bewohner wurden per Behördenbrief vom Abriss ihres Zuhauses zugunsten von Flüchtlingen informiert

„Ich bin enttäuscht und fühle mich wie vor den Kopf gestoßen“, sagt Ingo Reß. Der Moorreger, der stundenweise für den örtlichen Bauhof arbeitet und seit vier Jahren in einer der Schlichtwohnungen am Münsterweg lebt, erhielt vom Amt Moorrege die schriftliche Aufforderung, sich eine neue Bleibe zu suchen. Sein bisheriges Zuhause soll abgerissen werden und mobilen Flüchtlingsunterkünften weichen.

Dass das Grundstück anderweitig genutzt werden soll, kann der Moorreger akzeptieren. Warum ihm die Abriss-Nachricht auf dem kühlen behördlichen Wege übermittelt werden musste, versteht er nicht. „Die kennen mich doch gut. Sie hätten doch mit mir sprechen können“, beklagt der 46-Jährige.

Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Auf der Gemeindevertretersitzung der Gemeinde Moorrege wurde (.  .  .) über die Errichtung von drei mobilen Wohnheimen zur Unterbringung von Flüchtlingen beraten. Die Gemeindevertretung beschloss, die mobilen Wohnheime im Bereich Münsterweg 60-66 zu errichten. Aufgrund dessen müssen die Gebäude Münsterweg 60-66 abgerissen werden. Ich möchte Sie dazu auffordern, sich kurzfristig um eine anderweitige Wohnmöglichkeit umzusehen. Sollte Ihrerseits keine kurzfristige Anmietung auf dem freien Wohnungsmarkt möglich sein, müssen Sie von mir in eine andere Unterkunft umgesetzt werden.“

Wie Reß geht es auch seinem Nachbarn David Antonio Nogueira-Gomes. Der Portugiese, der seit kurzem Witwer ist und gesundheitliche Probleme hat, fühlt sich entwurzelt. Auf dem freien Wohnungsmarkt hat der Hilfsarbeiter nach eigener Einschätzung keine Chance.


Gemeinschaft zur Hilfe im Notfall


Zusammen mit einem weiteren Nachbarn haben sich Reß und Gomes im Münsterweg eingerichtet. Sie bilden eine Gemeinschaft, helfen sich im Notfall und ergänzen sich im Alltag. Die drei hätten sich gefreut, wenn jemand gekommen wäre, um mit ihnen zu reden und eventuell sogar einen Vorschlag gemacht hätte, wie es weitergehen könnte. „Wir leben doch in einer kleinen Gemeinde und kennen uns alle“, so Reß. Alle drei bemühen sich mittlerweile selbstständig, andere Unterkünfte zu finden.

„Das ist möglicherweise etwas unglücklich gelaufen“, räumt Jens Neumann, stellvertretender Leiter des Amtes Moorrege, auf Nachfrage dieser Zeitung ein. Die Obdachlosenwohnungen seien sanierungsbedürftig. Sie stammen aus den frühen 1960er Jahren, sind mit Holzöfen und spartanischen sanitären Anlagen ausgestattet. Da Platz für die Flüchtlings-Unterbringung benötigt werde, sei der Zeitpunkt für den Abriss jetzt gekommen. „Die Unterbringung in den Obdachlosenwohnungen ist kein Mietverhältnis und soll normalerweise nur vorübergehend sein“, erläutert der Verwaltungmitarbeiter. „Wenn es den jetzigen Bewohnern nicht gelingt, selbstständig eine Wohnung zu finden, haben wir aber Möglichkeiten sie unterzubringen“, ergänzt er.


Gefahr für Spaltung der Gesellschaft


„Wir müssen beide Gruppen, die der Flüchtlinge und die der Wohnungslosen, gleich behandeln“, fordert Ulrich Lenk vom RegioMobil, dem medizinischen Hilfsangebot der Region Kliniken für Wohnungslose. Er sieht jeden Montag im Moorreger Münsterweg nach dem Rechten. „Ansonsten besteht die Gefahr ist, dass wir unsere Gesellschaft spalten“, warnt er.


zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen