zur Navigation springen

Ein Wedeler erinnert sich : Weihnachten am „Eisernen Vorhang“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Alle Jahre wieder erinnert sich der Wedeler Pensionär Helmut Hennig an seine Grenzgänge, während andere feierten.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Spätestens mit dem Beginn der Vorweihnachtszeit geht es in vielen Stuben besinnlich zu. Der Mensch kommt zur Ruhe. Und ruft Erinnerungen hervor. Zur Ruhe gekommen ist der Wedeler Pensionär Helmut Hennig (74) bereits vor vielen Jahren. Doch Erinnerungen an Zeiten, in denen der frühere Bundesgrenzschutzbeamte nicht wie selbstverständlich die Weihnachtszeit gemeinsam mit Ehefrau Christa genießen konnte, sind geblieben.

Seit Beginn seiner Ausbildung zum Wachtmeister Anfang der 60er-Jahre war Hennig im Grenzdienst an der ehemaligen, „Innerdeutschen Grenze“ eingesetzt. „Mehr als sechs Jahre lang. Zwischen Lübeck und Lauenburg“, so Hennig, dem manchmal noch ganz mulmig wird, wenn er an die Zeit des „Eisernen Vorhangs“ zurück denkt.

Schließlich kennt er noch heute dort, wo einst Minenfelder, Selbstschussanlagen, Stacheldraht und hohe Zäune die Teilung Deutschlands und Europas markierten, fast jeden Stein. „Manchmal gingen wir auf unseren Kontrollgängen bis zum 15 Kilometer weit, während nur wenige Meter entfernt auf der anderen Seite des Zauns eine Ost-Patrouille auf gleicher Höhe Schritt hielt“, so Hennig, dem es nur vor dem Beginn des Ausbaus der Anlagen im August 1961 gelang, den ein oder anderen „Smalltalk“ mit den schwer bewaffneten DDR-Grenzern zu halten. „Wie sieht euer bunter Teller aus?“ und „Was gibt es zu Weihnachten auf den Tisch?“ oder „Welche Unterkünfte habt ihr?“ waren einige der kurzen Fragen, die zur Weihnachtszeit ganz ungehindert die Grenze passierten. „Auch kam es mal vor, dass wir ein oder zwei Päckchen Zigaretten auf die Grasnarbe legten und weiter gingen. Wenn wir dann zurück kamen, waren die meist weg“, schmunzelt der Vater zweier Kinder und fünffache Großvater.

Insgesamt sei der Kontakt jedoch laut Hennig ein schwieriges Unterfangen gewesen. „Allein schon deshalb, weil die ostdeutschen Kollegen jeden Tag in anderer Besetzung erschienen und sich untereinander noch nicht mal richtig kannten“, erklärt der gebürtige Tilsiter weiter, der die Zeit vor dem Sommer 61 als die Bessere seiner Grenzdienstzeit empfindet.

„Danach ging es wirklich kühl zu. Nicht nur am Heiligen Abend, welchen ich drei Mal am Grenzzaun verbrachte“, weiß Hennig weiter zu berichten. Durch Tiere zur Explosion gebrachte Minen, das Bellen von Wachhunden und die hüben wie drüben mitgeführten Waffen hätten stets an den „Ernst der Lage“ erinnert.

„Einmal hörten wir es in der Nacht beim Streifgang am Schaalsee im Wasser plätschern und wurden Zeugen, wie einem DDR-Bürger schwimmend die Flucht gelang“, berichtet der spätere Beamte im Bundeswehr-Verwaltungsdienst von einem seiner aufregendsten Momente, zu denen aber auch viele Alarmeinsätze zählten. Zum Beispiel, wenn die NVA-Soldaten mal wieder unangemeldet damit begannen, einen kleinen Grenzabschnitt nach ihrem Geschmack „zu begradigen“. „Diese angespannten Situationen, die gerade in Zeiten der Kuba-Krise ihr Höchstmaß erreichten, konnten dann oft erst nach dem Erscheinen angeforderter Katasteramts-Mitarbeiter entschärft werden“, erinnert sich Hennig.

Heute freut sich der einstige BGS-Beamte umso mehr, dass er eine alte Wette mit sich selbst verloren hat. „Ich habe seiner Zeit nie damit gerechnet, dass ich es noch erleben werde, dass die Mauer fällt. Und dann ist es bekanntlich ganz schnell gegangen. Denn auch ich konnte es zunächst kaum glauben, als SED-Politiker Günter Schabowski am 9. November 1989 das sofortige Inkrafttreten einer großzügigen Reiseregelung gen Westen für DDR-Bürger verkündete. Und so den Anfang vom Ende der Innerdeutschen Grenze besiegelte.“
 

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen