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Akten wälzen im südlichen Afrika : Wedels Stadtarchivarin auf Forschungsreise

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Anke Rannegger, Wedels Stadtarchivarin forscht in Namibia zur deutschen Kirchengeschichte.

shz.de von
erstellt am 28.Jun.2016 | 16:00 Uhr

Wedel | Afrika im Herzen und auf dem T-Shirt, unter den Füßen aber wieder den vertrauten Grund der Heimat. Archivchefin Anke Rannegger ist nach drei Monaten Auszeit im Süden des „schwarzen Kontinents“ an ihren Arbeitsplatz im Rathaus zurückgekehrt. Und das „mit einem gründlich erweiterten Gesichtskreis.“ So Ranneggers lapidare Zusammenfassung ihrer Erlebnisse in Namibia, der Republik Südafrika und anderen Ländern der Region.

Es war für sie wie ein neuer Anfang auf Zeit. Wie 1984, als die damals knapp 20-jährige vor den staubigen Akten der Stadt Wedel stand und anfing, daraus ein gut funktionierendes Archiv aufzubauen, so erwarteten sie jetzt in der namibischen Hauptstadt Windhoek die angesammelten Aufzeichnungen der dortigen „deutsch-evangelisch-lutherischen Kirche“. Rund 160 Jahre Geschichte, angefangen mit der Ankunft der ersten deutschen Handelspioniere über die blutige Niederschlagung des Widerstandes einheimischer Völker gegen die Kolonialisierung während der Kaiserzeit, weiter über die Epoche der Apartheit unter südafrikanischer Verwaltung, in der während der deutschen Nazizeit die NSDAP hier erstaunlich umtriebig war, bis in die jetzige Unabhängigkeit als souveräne Nation.

Eine solche Aufgabe habe sie herbeigesehnt, verrät Rannegger. Viele Anfragen habe sie in die Welt geschickt, überall dorthin, wo sie schlummernde deutschsprachige Archive vermutete, bis sie schließlich bei der Kirche in Windhoek auf Gegenliebe stieß.

Zugleich war die Reise Abenteuer. Zwei Monate lang war die Wedelerin auf Safari. Vom Tafelberg an der Südspitze des Kontinents über den Addo-Elefanten-Nationalpark zu den Victoria-Fällen in Zimbabwe. Durch das Königreich Lesotho ging es auch. Dann noch ein Abstecher nach Botswana und dort mit einem kleinen Flieger über die wilde Landschaft des Chobe-Nationalparks. Großstädte wie Kapstadt und Durban lagen ebenfalls auf ihrer Reiseroute.

Glücksgefühle und Herausforderungen

Rannegger berichtet von all dem aus dem Glücksgefühl einer bestandenen Herausforderung. Natürlich habe sie Angst gehabt, gibt sie unumwunden zu. Schließlich war es für die 51-jährige die erste Reise in Länder außerhalb Europas, zudem alleine und durch Gegenden, von denen etliche im Ruf stehen, in höchstem Maße von Kriminalität geplagt zu sein.

Dazu kam das Berufliche, die Aufgabe, die Dokumentensammlungen der Kirche so zu ordnen, dass sie der Geschichtsforschung dienen können. „Das Archiv ging leichter als erwartet“, resümiert Rannegger diesen Teil ihres Erfolgserlebnisses. Sie habe „alles säuberlich verpackt und in klimatisierten Räumen sicher gelagert“ vorgefunden. So gelang es ihr, die Aufgabe tatsächlich in nur einem Monat zu bewältigen, vom dortigen Bischof Burgert Brand und vielen Mitgliedern der Gemeinde tatkräftig unterstützt.

Was hat sie für sich selbst gewonnen? „Es gibt Leben außerhalb meines Archivkellers“, antwortet sie augenzwinkernd. Und: „So eine Auszeit in der Mitte des Lebens ist etwas Großartiges.“ Für diese Bereicherung ist sie vor allem ihrem Arbeitgeber, der Stadtverwaltung, dankbar, die sie für drei Monate ziehen ließ, unbezahlten Urlaub inklusive. Und die eigene Familie? „Seinen 18. Geburtstag musste Sohn Tristan ohne mich feiern“, räumt Rannegger ein, aber zu seinem Abitur sei sie ja wieder da.

Das heutige Namibia war ursprünglich vor allem von San („Buschleuten“) besiedelt. Seit dem 14. Jahrhundert wanderten Bantu-Völker in das Gebiet ein. 1884 wurde es zur deutschen Kolonie. 1904 lehnten sich die Volksgruppen der Herero und Nama gegen die Kolonialmacht auf. Im folgenden Krieg schlug Generalleutnant Lothar von Trotha die Herero in der Schlacht am Waterberg und trieb die Überlebenden in die Wüste. Bis zu 70.000 Herero sterben, das Vorgehen gilt heute als Völkermord. Nach dem Ersten Weltkrieg stellte der Völkerbund Namibia unter südafrikanisches Mandat, 1990 wurde das Land unabhängig.
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