„Man wächst mit seinen Aufgaben“ : Wedels Politessen über rauen Gegenwind, Komplimente, Wiederholungstäter und die Freuden am Job

Ein starkes Team: Petra Schmuck (v. l.), Elisabeth Kallenbach, Cornelia Szymanski und Cornelia Wegner.
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Ein starkes Team: Petra Schmuck (v. l.), Elisabeth Kallenbach, Cornelia Szymanski und Cornelia Wegner.

Vor 25 Jahren wurde die Überwachung des ruhenden Verkehrs in städtische Verantwortung übergeben.

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24. März 2017, 16:00 Uhr

Wedel | Vor 25 Jahren wurde die Überwachung des ruhenden Verkehrs in städtische Verantwortung übergeben. Passender Anlass, die Wedeler Politessen Cornelia Wegner, Cornelia Szymanski, Elisabeth Kallenbach und Petra Schmuck einmal zu fragen, wie sie sich fühlen, wenn sie Knöllchen hinter die Windschutzscheiben klemmen.

Ist Politesse ihr Traumberuf?
Elisabeth Kallenbach: (lacht herzhaft). Dass das mein Traumberuf ist, würd ich jetzt nicht so unbedingt sagen. Zu Anfang war ich doch sehr irritiert und auch entsetzt, diese Rauheit draußen auf der Straße kennenzulernen. Mittlerweile komm ich gut damit zurecht.

Was sind die positiven Seiten an dem Job?
Kallenbach: Auf jeden Fall, dass inzwischen die Akzeptanz da ist. Viele Leute sprechen einen an, weisen einen darauf hin, wo Missstände sind oder bitten auch mal darum zu kontrollieren.
Cornelia Szymanski: Durch diesen Job wird man selbstbewusster, fand ich jedenfalls. Man wächst mit seinen Aufgaben, man hat irgendwann ein breiteres Kreuz.

Was war ihr schönstes Kompliment, das sie bekommen haben?
Petra Schmuck: Ich hab ein Herzchen zum Valentinstag bekommen. Der Mann hat mich gefragt, ob ich eine Zwillingsschwester hab. Die müsste wie ich sein, immer freundlich, immer strahlend, immer witzig. Das ist an so einem Tag ganz schön.

Geballte Frauenpower: Wünschen sie sich einen Mann in ihren Reihen? Gibt es überhaupt männliche Kollegen?
Alle: Ja, ja, die hatten wir schon.

Männliche Politessen?
Cornelia Wegner: Nein Verkehrsüberwacher. Also wir hatten schon Verkehrsüberwacher. Ich glaubte, dass männliche Personen immer positiv rüberkommen. Das ist nicht so. Es ist tatsächlich wie bei allen Sachen typabhängig. Wir haben eine Saisonkraft, die an der Elbe arbeitet. Sie ist sehr jung, wird aber unheimlich positiv angenommen.

Haben sie draußen Stammkunden? Gibt es viele Wiederholungstäter in Wedel?
(Die Runde lacht herzhaft.) Schmuck: Doch ja, die haben wir. Die am gleichen Ort immer wieder Verstöße begehen. Zum Beispiel im Halteverbot stehen oft die selben.

Gehen sie dort gezielt hin?
Alle: Nein.
Wegner: Datenschutz wird auch im Kopf eingehalten. Im Innendienst gibt es allerdings so zwei bis drei Personen, die regelmäßig kommen und ihre Tickets hier bar bezahlen. An einem können wir uns besonders erfreuen. Der ist seinerzeit, als er das erste Mal ins Büro kam, sehr unangenehm gewesen. So, dass ich ihn sogar aufforderte, noch mal wieder reinzukommen und das Gespräch von vorne anzufangen. Und heute vermisst er fast schon den Kaffee, den er bei uns nicht bekommt.

Haben sie einen Schrittzähler dabei? Wieviel Kilometer gehen sie pro Tag?
Schmuck: Ich hatte mal einen. Ich bin in fünf Tagen eine halbe Million Schritte gelaufen. Das war letztes Jahr im Frühjahr eine Aktion von der Krankenkasse. Da haben wir hier in der Abteilung den Preis gewonnen.

Sie leiden nicht darunter, dass sie viele Kilometer am Tag abreißen müssen?
Kallenbach: (lacht) Das klingt ja, nein, leiden wäre der falsche Ausdruck. Das kann man nicht sagen. Dann würden wir ja irgendwann ausfallen, es gesundheitlich gar nicht mehr hinkriegen. Das wäre ja physischer wie psychischer Druck. Es ist natürlich wetterbedingt mal besser, mal schlechter, das sicherlich.
Schmuck: Es ist ja auch Gewohnheit. Man läuft jeden Tag, aber nicht im Sinne einer Sportart. Der Körper gewöhnt sich daran. Das ist ja auch kein strammes Gehen. Wir laufen in Intervallen, man geht von Auto zu Auto zu Auto.

Bekommen sie selbst denn Knöllchen, wenn sie privat unterwegs sind?
Schmuck: Wir sind artig, ziehn immer Tickets. Wir müssen ja auch Vorbilder sein, man kennt uns. Also, ich würd mich nicht in die Bahnhofstraße stellen und kein Ticket ziehen.
Szymanski: Aber unseren Chef habt ihr schon gekriegt.
Schmuck: Ja. Der stand leider zu dicht an einer Einmündung.
Wegner: Das zieht sich sogar ins Private. Mein Mann hat manches mal gesagt, er fährt mit mir nicht Auto, schon gar nicht in Wedel, weil es ihn verrückt macht, dass ich immer sage, hier kannst du nicht stehen, da darfst du nicht stehen.

Sind denn die Vorschriften für Knöllchen im Verlauf der 25 Jahre strenger geworden?
Wegner: Es ist teurer geworden.

Aber strenger nicht?
Wegner: Nein. Es gibt Tatbestände, die neu eingeführt worden sind. Autofahren heute ist anders als vor 25 Jahren. Vor 25 Jahren war es noch so, dass Verbote erkannt und beachtet wurden, heute zweifelt man sie erst einmal an. Es wird alles hinterfragt. Es gibt einen Standardspruch: Die Autofahrer würden auch noch die rote Ampel ignorieren, wenn sie nicht Angst hätten, dass sie ihren Führerschein verlieren.

Verteilen Sie denn heutzutage mehr Knöllchen?
Alle: Nein.
Szymanski: Das ist eigentlich gleich geblieben.
Wegner: Die ersten fünf Jahre, haben wir pro Tag zwischen 50 und 100 Tickets verteilt, mit zwei Politessen, das war tatsächlich Satz. Der Autofahrer musste sich ja erst einmal dran gewöhnen.

Und heute?
Wegner: Heute sind wir drei Politessen und vergeben pro Tag so zwischen 50 und 70 Tickets.

Das Geld kommt in die Stadtkasse. Ist das mehr geworden, weil die Gebühren höher sind?
Wegner: Man kann schlecht sagen, dass es gleich geblieben ist, weil wir damals DM hatten, heute haben wir Euro. Damals waren es, glaub ich, 120.000, 130.000 DM pro Jahr – und wir liegen jetzt auch bei ebensoviel Euro.

Hat sich das Verhalten der Verkehrsteilnehmer verändert? Sind sie rücksichtsloser oder sind sie eher einsichtiger und kooperativer geworden?
Kallenbach: Die Erfahrung, die ich gemacht hab, ist: Es hat sich nicht so wirklich verändert. Es sind immer welche da, die verständnisvoll sind, und andere, die grundsätzlich nicht einsichtig sind. Die dagegen angehen, verbal meistens. Die Massivität aber, mit der man angesprochen wird, die hat sich sicherlich verändert. Der Ton ist rauer geworden. Man wird anders angesprochen, auch mal ein bisschen beschimpft. Ja, das ist heftiger geworden.

Haben Sie eine persönliche Erklärung dafür?
Kallenbach: Es wird ja allgemein gesagt, dass in der Gesellschaft die Verrohung weiter voranschreitet. Das betrifft sicherlich nicht nur uns, das betrifft jeden.

Oder hängt das vielleicht mit der Parkraumbewirtschaftung zusammen?
Kallenbach: Das denke ich nicht, nein. Es geht nicht immer um die Bewirtschaftung, es geht auch um andere Verstöße, ob das nun Halteverbote sind, Linksparken oder Gehwegparken. Einfach mal einen Spruch abzulassen, auch mal ein bisschen rauer abzulassen, das hat zugenommen, finde ich.
Schmuck: Das wird aber überall gleich sein. Die Leute haben zu wenig Geduld. Sie sind überreizt. Wer weiß, was sie privat alles durchmachen. Und bei uns geht es um Geld, dann sind sie wahrscheinlich auch extremer. Deswegen kriegen wir das dann mehr ab.
Wegner: Man muss gleichzeitig auch eine Bresche für den Wedeler schlagen. Wenn man das mit anderen Städten vergleicht, ist es bei uns im Verhältnis noch ruhig. Es gibt wesentlich weniger Handgreiflichkeiten. Wir haben auch wesentlich weniger Bußgeldverfahren.

Haben Sie denn eine Vorgabe, wie viele Knöllchen sie einbringen müssen?
Alle: Nein.

In Hamburg hat der Rechnungshof die Knöllchenmenge ja gerade als zu niedrig gerügt.
Wegner: Wir hatten den Landesrechnungshof auch mal da. Damals mussten wir erklären, warum wir so wenig Bußgelder haben im Verhältnis zum
Kreis. Da hat man so ein bisschen Äpfel mit Birnen verglichen, weil der Kreis nicht nur den ruhenden, sondern auch den fließenden Verkehr überwacht.

Ich habe auch schon verkehrswidrig in Wedel geparkt. Fünf Minuten stand ich verkehrt herum in einer Parklücke – und hatte prompt ein Knöllchen. Wie machen sie das so schnell? Sind sie überall?
Szymanski: Wir verstecken uns hinter jedem Auto (lachen). Nein ich denke, das ist wahrscheinlich einfach nur Zufall. Das haben wir oft, dass Leute fragen „Wieviel Politessen haben sie eigentlich?“ Aber nein, wir haben wirklich nur diese drei.
Wegner: Die Dienstzeit geht in den Wintermonaten von 7.30 Uhr bis 18 Uhr. In den Sommermonaten haben wir eine Sieben-Tage-Woche, unsere Saisonkraft ist auch an Wochenenden unterwegs. Und deswegen erscheint es dem einen oder anderen so, dass wir immer und überall da sind. Aber das ist subjektiv.

Eine letzte Frage: Sind sie denn mit ihrer Dienstkleidung modisch zufrieden?
Kallenbach: Modisch zufrieden? (Alle lachen herzhaft.)
Wegner: Ein sehr gutes Thema.
Kallenbach: Für mich ist es modisch ausreichend, ja.
Schmuck: Ausbaufähig.
Kallenbach: Es geht auch um die Bequemlichkeit und den Tragekomfort, die Mode allein ist nicht ausschlaggebend.
Szymanski: Wir haben zwischenzeitlich gute Ware gefunden. Sie muss warm sein, atmungsaktiv, wasser- und winddicht und im Sommer ein bisschen luftig. Ich denke, wir sind gut ausgestattet.
Schmuck: Ja, das ist wirklich gut.

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