Wedels Kopiergeräte sind Trumph

Ilse Barz und Volker Jantzen haben Aufstieg und Ende von Dr. Bögers „Duplomat“ miterlebt.
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Ilse Barz und Volker Jantzen haben Aufstieg und Ende von Dr. Bögers „Duplomat“ miterlebt.

Duplomat-Apparate gehen um die Welt

shz.de von
26. Juni 2018, 16:00 Uhr

„Er saß am Tisch, spielte mit einem Schlüsselbund oder sonst irgendeinem Gegenstand, und wir wussten: Er erfindet gerade etwas.“ So sieht Techniker Volker Jantzen seinen alten Chef Marius Böger noch heute vor sich. 1950 siedelte der im Rosengarten 14 seine Kopierer-Produktion an. Ein mickriges Unternehmen zunächst. „Wir saßen in der Buchhaltung auf Küchenstühlen. Zu meinem Arbeitsplatz ging es erstmal durch etliche dunkle Räume“, erinnert sich Ilse Barz. Sie war zugleich die Personalabteilung und Mädchen für alles: „Zu mir kamen die Leute auch, wenn sie ein Pflaster brauchten“, grinst sie. 18 Jahre alt war sie damals.

Aus solchen Anfängen entwickelte sich ein global tätiges Konglomerat: die Dr. Böger-Duplomat Apparate GmbH & Co. KG sowie die Scangraphic Dr. Böger GmbH. Ein bedeutendes Kapitel von Wedels Geschichte als Industriestandort. 1996 gab es weltweit 410 Mitarbeiter. Und dann war Schluss. Böger hatte sich schon 1990 von seiner Firma getrennt. Der Mannesmann-Konzern war ihr letzter Besitzer. „Der Fortschritt wurde immer rasanter. Computer kamen und wurden sofort durch noch bessere ersetzt. Da konnten bald nur riesige, kapitalstarke Konzerne mithalten. Wir in Wedel leider nicht“, so das Fazit der beiden Ehemaligen.

„Als bedeutender Industriestandort in Norddeutschland war Wedel Sitz einer ganzen Reihe wichtiger Firmen“, stellt das Stadtmuseum dazu fest. Die Erinnerung daran lebendig zu halten, ist ein Anliegen des Möller-Technicon im Rosengarten 10. Hier sorgt die Arbeitsgemeinschaft Industriegeschichte ehrenamtlich dafür, nicht mehr existierende Unternehmen und das damalige Arbeitsleben als Aspekt der Stadtgeschichte darzustellen. Die meisten der Mitglieder sind ehemalige Mitarbeiter dieser Firmen.

Feinmechaniker Jantzen kam 1973 zu Böger. Da residierte das Unternehmen bereits in der Rissener Straße 106. Ihr Produkt, der „Duplomat“, änderte überall den Büro-Alltag. „Kennt einer noch Kohlepapier?“ fragt Barz in die Runde. Das legten Sekretärinnen einst zwischen die Blätter, die sie in die Schreibmaschine einspannten. So erhielten sie mehrere Kopien. Dann aber erfand Böger den Kopierer.

Der erste Duplomat war recht klobig. Er brauchte Filmmaterial und Entwicklungsflüssigkeit – und Zeit. „Photokopien in zwei Minuten“ versprach eine frühe Anzeige. So schnell ging es aber erst nach jahrelanger Produktentwicklung. Barz und Jantzen sprudeln immer mehr Anekdoten aus ihrer Duplomat-Zeit, ihrer Arbeit mit und für Böger, hervor. Der war unter anderem auch Landwirt und erfand für sein Gut in Ostholstein eine Melkmaschine, als anderswo die Kühe noch per Hand gemolken wurden, werfen sie ins Gespräch ein.

Ihre Zuhörer: Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft. Warum sitzen sie einen ganzen Vormittag lang im Technicon? Heinz Gläser und die übrigen Teilnehmer der Runde überlegen nicht lange: „Das ist doch alles Wedeler Kompetenz. Und das sind spannende Geschichten.“ Die ehemaligen Angehörigen von Firmen, die heute Wedeler Industriegeschichte sind, wollen die Erinnerung an diese bedeutende Epoche am Leben erhalten, für sich selbst, aber auch für alle anderen. Deshalb stellen sie ihre Zeit dem Möller-Technicon zur Verfügung, führen Geräte vor, dirigieren Experimente. So machen sie die Sammlung auf dem Gelände der Firma Möller für Technikinteressierte, für Nostalgiker, auch für Kinder und Jugendliche zu einem Erlebnis. Richtig populär ist ihr Kinder-Labor an jedem ersten Samstag im Monat von 14 bis 18 Uhr. Schon Achtjährige dürfen dann unter fachkundiger Anleitung forschen und experimentieren.

Zum Duplomat-Termin hatten die Ehemaligen auch Erinnerungsstücke von zu Hause mitgebracht, alte Fotos vor allem. Barz legte ein liebevoll gepflegtes Album auf den Tisch. Technicon-Mitarbeiter Gerhard Kuper las ein „Duplomat“-Kapitel aus Günter Steyers „Wedeler Tagebüchern“ vor. Dabei wurde deutlich, wo der Duplomat“ überall im Einsatz war. Zum Beispiel im Zeitungsdruck, wo er als Lichtsatz-Computer Handwerksberufe wie Schriftsetzer und Metteure überflüssig machte. Riesige Kameras waren nötig, um die Seiten für den Druck aufzunehmen, sowie auch Geräte, die Raster für die Wiedergabe von Fotos herstellten. Jantzen herrschte im Duplomat-Prüffeld. „Alles ging durch meine Hände“, sagt er voller Stolz.

Immer wieder fallen Namen. Ingeborg Nielsen war Bögers Chefsekretärin. Kein einfacher Job bei einem so sprunghaft kreativen Chef. „Aber Ingeborg war fantastisch, perfekt, sie lebte ihre Arbeit“, bewundern Barz und Jantzen ihre Kollegin von einst.

Es gibt aber auch Erinnerungen, die heute Stirnrunzeln verursachen: „Von Umweltschutz hat damals noch keiner geredet“, geben die beiden zu Protokoll. Silberhaltiges Material wurde verschwendet. Schadstoffe flossen ungehindert in die Au. „Bei Hochwasser kam im Keller Schaum aus den Abflüssen hoch“, erinnert sich Barz. Auch das gehört zu dem Wissen, welches die Technicon-Leute an jüngere Generationen weitergeben möchten. So soll bei Kindern und Heranwachsenden das Bewusstsein geschärft werden, auf die Zukunft aufzupassen.

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