Auszeichnung vom Bundesamt : Wedeler TSV ist fit für die Integration

Petra Kärgel ist Integrationslotsin beim Wedeler TSV.
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Petra Kärgel ist Integrationslotsin beim Wedeler TSV.

Das Bundesamt für Migration zeichnet ein landesweites Lotsen-Programm aus. „Tolle Anerkennung unserer Arbeit“.

shz.de von
21. März 2017, 13:00 Uhr

Wedel | Das Lob kam von höchster Stelle. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) hat das Programm „Integrationslotsen im Sport“ des Landessportverbands Schleswig-Holstein (LSV) als „Integrationsprojekt des Monats“ ausgezeichnet und bundesweit vorgestellt. Petra Kärgel vom Wedeler TSV und Mehmet Karakavak vom Elmshorner MTV präsentierten das Projekt für das Bundesamt.

Der Landessportverband (LSV) Schleswig-Holstein hat die Ausbildung zum zertifizierten „Integrationslotsen im Sport“ im vergangenen Sommer in Kooperation mit den Bundesprogrammen „Integration durch Sport“, „Zusammenhalt durch Teilhabe“ sowie dem Landesprogramm „Sport für alle – Sport mit Flüchtlingen“ ins Leben gerufen.16 Frauen und Männer ließen sich ausbilden. Inzwischen sind 25 in der Ausbildung. In Info-Veranstaltungen, Vernetzungstreffen und drei Intensiv-Lerneinheiten über insgesamt 45 Stunden werden die Lotsen in interkultureller Kompetenz gestärkt, sie entwickeln Strategien zur Konfliktlösung und arbeiten an der Prävention gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

„Das war eine tolle Anerkennung unserer Arbeit und ich habe mich sehr gefreut, dass ich vom Landessportverband ausgewählt wurde“, sagt Kärgel. „Der Wedeler TSV wollte sich neu aufstellen und sich für eine Willkommenskultur einsetzen. Doch bis vor einem Jahr hatte das Vereinsleben noch gar keine Präsenz in der Flüchtlingsthematik. Dabei ist gemeinsames Sporttreiben die Methode, um Deutsch zu lernen, um Kontakte und Freundschaften zu knüpfen“, sagt Kärgel, die auch für die Grünen im Wedeler Stadtrat sitzt.

„Wir sind nett und offen. Das sagen wir nicht nur, sondern leben es. Unsere Übungsleiter machen schon lange einen tollen Integrationsjob. Wir nehmen alle Kinder auf – egal woher sie stammen oder mit welchem kulturellen Hintergrund“, sagt Kärgel. Die Sportvereine würden schon lange den wichtigsten Baustein für Integration darstellen. Die eine Seite sei das sportliche Miteinander, in dem Siege gefeiert, Niederlagen gemeinsam verarbeitet und ein echtes Team gebildet werden. Zudem werden die Werte des Vereins gelebt, die in der Satzung verankert sind. „Die Vereine sind basisdemokratisch aufgestellt. Die Mitglieder entscheiden im Verein selbst. Jeder hat das gleiche Stimmrecht. Das ist anders als in einer Muckibude“, sagt Kärgel. Es sei aber nicht nur wichtig, den Demokratiegedanken zu vermitteln, sondern auch mehr Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln ins Vereinsleben zu integrieren. „Wenn die Vereinsstruktur unsere Gesellschaft abbilden würde, wäre das ein gewaltiger Erfolg“, sagt Kärgel.

„Netzwerke schaffen“, nennt Kärgel eine ihrer Hauptaufgaben. „Wir müssen zeigen, dass es Sportvereine gibt. Wir haben Angebote für Flüchtlinge, Hartz  4-Empfänger, für alle, die Sport machen wollen. Das ist vielen aber nicht bewusst.“ Junge Mädchen und Frauen lägen ihr dabei besonders am Herzen. „Das ist teilweise problematisch, weil der Wunsch nach abgeschotteten Räumen besteht, wo nur Frauen gemeinsam Sport machen“, so Kärgel. Beim Ballett oder Turnen sei es teilweise möglich. „Wir können aber nicht die Badebucht sperren und noch alle Fenster verhängen. Das zahlt und will keiner.“ Kärgel ergänzt: „Ich denke auch nicht, dass das Sinn der Integration ist. In unserer Gesellschaft leben wir anders zusammen. Da gehört auch gemeinsamer Sport von Männern und Frauen dazu.“

Um neue Übungsleiter zu gewinnen, sei eine Zusammenarbeit mit dem türkischen Elternbund geplant. „Mein Traum wäre es, Sportarten, die es hier nicht gibt, zu etablieren. Dafür brauchen wir aber Trainer oder Sportler mit Erfahrung“, sagt Kärgel. Eine Idee sei derzeit Bauchtanz, da dies eine typische Frauensportart sei, und auch deutsche Frauen anspreche. Denn Kärgel geht es nicht nur um Flüchtlinge. „Wir müssen alle Menschen mitnehmen, sonst entsteht eine Neidkultur. Es gibt viele Menschen, die nicht über große finanzielle Mittel verfügen oder die am unseren Ende der mittleren Einkommen sind und aus allen Förderungen rausfallen.“ Daher bemühe sie sich auch, Projekte wie „Kein Kind ohne Sport“ und „Sport für alle“, die vom LSV gefördert werden, in Wedel umzusetzen.

„Die Politik muss sehen, wie wichtig Sport ist“, mahnt Kärgel. Ihr fehle teilweise die Bereitschaft, auch in den Sport zu investieren. „Wenn das alle wollen, muss auch Geld in die Hand genommen werden. Was vor 20 Jahren gezahlt wurde, ist nicht das, wofür die Leute heute arbeiten gehen“, kritisiert sie. „Ich denke, dass die Mehrheit der Bürger will, dass man die Sportförderung erhöht.“

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