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„Aquifier“ als Ersatz? : Wedel: Unterirdische Wärmespeicher als Kohlekraftwerk-Ersatz getestet

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Das veraltete Kraftwerk in Wedel soll möglichst bald Geschichte sein. Doch es müssen Alternativen her.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 16:37 Uhr

Wedel | Der Versorger Hamburg Wasser hat einen unterirdischen Wärmespeicher getestet und ist von dessen Potenzial zur Fernwärmeversorgung von Hamburger Haushalten als Ersatz für das Kohlekraftwerk Wedel überzeugt. „Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Technologie im großen Maßstab umgesetzt werden kann“, sagte der Geschäftsführer von Hamburg Wasser, Michael Beckereit, am Dienstag in Hamburg.

Für Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) könnte dieser sogenannte Aquiferspeicher, der erhitztes salzhaltiges Grundwasser in tieferen Bodenschichten (Grundwasserleitern) wie in einer großen Blase speichert, einen wichtigen Beitrag zur Hamburger Wärmewende leisten. Spätestens im Dezember will der Senator bekanntgeben, welche alternativen Energiequelle für Wedel eines Tages zum Einsatz kommen sollen.

Warum soll Wedel stillgelegt werden?

Das mehr als 50 Jahre alte Kohlekraftwerk ist veraltet und eine Kohlendioxid-Schleuder. Es puste jährlich bis zu 1,4 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre, um Fernwärme zu produzieren. „Diesem Wahnsinn muss sofort ein Ende gesetzt werden“, hatte sich Daniel Günther (CDU) vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein empört. Schließlich liegt Wedel im Kreis Pinneberg und somit in dem von ihm regierten Bundesland.

Was leistet Wedel bisher?

Das Kraftwerk versorgt rund 120.000 Haushalte in Hamburgs Westen mit Fernwärme. Senator Kerstan will das Heizkraftwerk mit 390 Megawatt Leistung bis Ende 2021 ganz oder teilweise stillegen.

Welchen Ersatz für Wedel gibt es?

Vorerst nur die Pilotanlage des Aquiferspeichers auf dem Gelände des Hamburger Klärwerks auf der Dradenau südlich der Elbe.

Wie funktioniert ein unterirdischer Wärmespeicher?

Es ist wie ein Kreislaufsystem: Nur salzhaltiges, kaltes Wasser wird aus tiefen Grundwasserschichten im Braunkohlesand entnommen, hochgepumpt und in einem Wärmetauscher beispielsweise durch Abwärme aus der Industrie oder aus Müllverbrennungsanlagen auf etwa 80 Grad erhitzt. Von hier wird das heiße Wasser wieder zurück in die Sandschichten mit ihren natürlichen Speichern geleitet.

Es gibt hier zwar Wärme an seine Umgebung ab, hat aber bei der Wiederentnahme noch ca. 65 Grad. Eine Wärmepumpe heizt das entnommene Wasser erneut auf, damit es die zur Haushaltsnutzung nötigen 95 Grad bis 130 Grad erreicht. „Die Wärme würde im Sommer gespeichert und im Winter den Verbrauchern wieder zur Verfügung gestellt werden“, erläuterte der Chef von Hamburg Wasser.

Was ist der Knackpunkt der Technologie?

Der Wärmeverlust unter der Erde. Aber: Sei die Umgebung erst einmal temperiert, betrügen die errechneten Verluste im langjährigen Mittel etwa 12 Prozent, erläuterte Beckereit. Sein Team hatte mit 15 bis 20 Prozent gerechnet. Außerdem geht es um die Frage, ob die Technologie beherrschbar ist: „Ja“, sagte Beckereit.

Wie viele Haushalte könnten versorgt werden?

Eine Anlage mit sechs Doppelbrunnen in Hamburg könnte 8000 Haushalte mit Fernwärme beliefern. Die Investitionskosten würden rund 6 Millionen Euro betragen, sagte Beckereit. Das sei deutlich günstiger als oberirdische Speicher.

Wer profitiert von der Wedel-Abschaltung?

Wegen der Schadstoffemissionen die Bevölkerung. Daher zeigte sich Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck über den Aquifer-Test erleichtert: „Darauf haben wir lange gewartet und gedrungen. Bis 2021 ist zwar noch immer eine 3-jährige Durststrecke, aber immerhin gibt es ab jetzt einen Ausstiegsfahrplan“, sagte Habeck. Er erwarte von der Stadt, dass sie ihre Pläne konkret umsetzt und die notwendigen Schritte unverzüglich einleitet. „Und aus meiner Sicht muss 2021 ganz Schluss sein - nicht nur teilweise.“

Welche Einwände gibt es?

Der Hamburger Energietisch (HET), in dem sich Bürger für die Energiewende unter ihrer Eigenbeteiligung einsetzen, sieht die Pläne kritisch. Er befürchtet, dass durch den Bau der Fernwärmeleitungen vom Süden nach Westen das Kohlkraftwerk Moorburg mit angebunden werden könnte - und quasi durch die Hintertür wieder Fernwärme aus Kohle zum Heizen von Wohnungen genutzt wird. Der Hamburger Energietisch fordert Wärmespeicher im Stellinger Moor. Darüber seien die Behörden wegen des Grundwasserschutzes aber noch in der Diskussion, sagte Kerstan.

Gibt es solche Aquiferspeicher schon?

Der Bundesverband Geothermie verweist auf einen Speicher unter dem Reichstagsgebäude in Berlin sowie eine Wohnanlage in Rostock-Brinckmannshöhe. Beide sind aber kleiner dimensioniert.

 
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