Unternehmer mit Gespür und Ideen

Die Sammelalben mit den fortlaufend nummerierten Kunstpostkarten werden heute noch im Netz gehandelt.
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Die Sammelalben mit den fortlaufend nummerierten Kunstpostkarten werden heute noch im Netz gehandelt.

Theodor Johannsen: Vom Postgehilfen zum erfolgreichen Geschäftsmann / Margarineversand wurde zu seinem größten Coup

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14. August 2018, 16:00 Uhr

Sie zeigen den Pfeifer von Eduard Manet, Arnold Böcklins Insel der Toten, die Iphigenie von Anselm Feuerbach oder Leonardo da Vincis Mona Lisa – Kunstpostkarten in qualitativ durchaus hochwertigem Druck waren in den 1920er Jahren nicht nur in Wedel der Hit. Die Einsteckalben musste man zwar kaufen, die Karten aber gab’s zur Margarine dazu – umsonst. Eine geniale Marketingsammelidee lange vor Panini und Co., vom findigen Theodor Johannsen entwickelt, der es in Wedel in rasender Geschwindigkeit vom kleinen Postgehilfen zur gestandenen Unternehmerpersönlichkeit brachte.

Johannsen (1877 - 1931) war ein Bauernsohn aus Bevern bei Barmstedt, der 1896 als angehender Postgehilfe unterm Dach des Wedeler Postgebäudes in der Mühlenstraße Quartier bezog. Weil seine Schule in Altona lag, zog er bereits kurze Zeit später dorthin um. Als er sich aber nach zwölf Jahren als gestandener Geschäftsmann und Familienvater wieder in der Rolandstadt ansiedelte, konnte der Unterschied im Wohnkomfort nicht größer sein: Jetzt residierte die Familie gegenüber der Mansarde, immer noch in der Mühlenstraße, aber in einer Villa, der so genannten Heinsohnschen, wahrscheinlich in der Belle Etage, vermutet Gerhard Kuper vom Technicon.

Noch als kleiner Postgehilfe hatte Johannsen in Wedel in der Gastwirtschaft von Andreas Martin Struckmeyer dessen jüngste Tochter Helene kennen und lieben gelernt. Eine gute Partie, denn der Vater, dessen Gastwirtschaft auch einen großen Tanzsaal bewirtete, betrieb nebenbei zusätzlich eine Schlachterei und handelte darüber hinaus mit Honig. War die Heirat standesgemäß? „Helene war im fünften Monat, da wurde es Zeit“, kommentiert Kuper nüchtern. 1899 wurde Tochter Hertha geboren.

Nach dem Tod des Vaters erhielt Helenes Schwester Wilhelmine Petersen den Honigversandhandel. Doch weder sie noch ihr Mann besaßen kaufmännisches Geschick. Johannsen unterstützte die beiden und agierte dabei mit so großem Erfolg, dass schon nach kurzer Zeit sein Name in die Firmenbezeichnung aufgenommen wurde: „Versandhandel Petersen & Johannsen“ hieß es ab 1912 offiziell.

Dass Johannsen ein Unternehmer mit ständig neuen Ideen war, wie Kuper ihn beschreibt, zeigte sich früh. Er erweiterte den Versandhandel auf Margarine. „In Bahrenfeld gab es zu der Zeit die Margarineherstellung Mohr. Vielleicht ist er täglich daran vorbeigefahren“, spekuliert der Technicon-Mitarbeiter. Das Unternehmen expandierte. Von der Kreuzung Pinneberger Straße / Breiter Weg ging es 1913 / 14 mit den Geschäftsräumen in die untere Hafenstraße. Paulus Heylandt war dort mit seinem Sauerstoffprobebetrieb gerade gescheitert, jetzt sollten Lebensmittel in die Kupferschmiede einziehen.

Die turbulenten Jahre um Ersten Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise meisterte Johannsen mit Fantasiereichtum, Mut und großem kaufmännischen Geschick. Petersens Witwe zahlte er aus, den Namen behielt er im Logo. Wendig und beherzt versuchte Johannsen sich in den unterschiedlichsten Lebensmitteln. In Kriegszeiten übernahm er die Zuckerverteilung für den Kreis Pinneberg. Neben dem Honig produzierte er Dörrgemüse und Marmelade. Und er probierte sich im Fischhandel. Ein viereckiger Schornstein zeugte lange Zeit von der Idee einer Räucherei. Das Fischgeschäft floppte. Johannsen schaltete blitzschnell um und zog in kürzester Zeit auf dem Hafenstraßengelände eine Getreidemühle und ein Silo hoch.

Als der Geschäftsmann während der Inflation 1922 / 23 dann pleite ging, vertrauten sogar die Banken auf sein Talent. Sie forderten ihr Geld nicht zurück. Den lassen wir mal machen, lautete ihre Devise, so Kuper. Sie sollten recht behalten. Johannsen startete nach der Krise mit überregionalem Margarinehandel durch. 3000 bis 4000 Verteilstationen baute der Unternehmer im Franchising-Prinzip auf. Die Partner bekamen Lastenfahrräder aus eigener Fahrradmanufaktur und Großhändlerpreise. Nicht nur die Sammelalben, auch die Tontöpfe, in denen die Margarine transportiert wurde, werden heute noch im Internet gehandelt. Für die bis zu 100 Angestellten in Wedel baute Johannsen eine eigene Siedlung auf, deren konstruktivistische Wohnhäuser auf der Liste der Kulturdenkmäler landeten. Seine Idee, in einem Park ein Kinderheim zu errichten, allerdings scheiterte. Die Stadt wollte 1200 Mark für den Stempel zur Genehmigung. Da schaltete der Patriarch auf stur. Er zog das Projekt zurück.

1931 starb der herzkranke Patient während einer Kur. Von seiner Frau Helene hatte sich der erfolgreiche Geschäftsmann bereits 1925 scheiden lassen. Sie schlug sich Zeit ihres Lebens mit psychischen Problemen herum. „Nach allem, was wir heute wissen, ist Helene Johannsen dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen“, erläutert Kuper. Ein Stolperstein vor der so genannten Ladiges-Villa im Schlosskamp 31 weist auf ihr Schicksal hin.

Ob Helene Johannsen dort zuletzt gewohnt hat, ist nicht gesichert. Tochter Hertha heiratete 1922 den Lehrer Willhelm Ladiges. 1925 zog Unternehmer Johannsen in seine neu errichtete Villa ein, nach seinem Tod siedelte sich die Familie der Tochter dort an. Hertha starb 1935 während der Geburt ihres Sohnes. Ihr Mann löst die Firma seines Schwiegervaters 1940 von der Front aus auf.

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