Unternehmer mit genialem Spürsinn

Die riesigen Motoren brachten es auf eine Leistung von 8000 bis 25  000 PS.
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Die riesigen Motoren brachten es auf eine Leistung von 8000 bis 25 000 PS.

Nach dem Krieg hatte Hugo Möller den richtigen Riecher: Er setzte auf Dieseleinspritztechnik für Schiffsmotoren

shz.de von
07. August 2018, 16:00 Uhr

„Hugo Möller hatte eine Nase für Entwicklungen und Personen“, stellt Rudolf de Wall klar. Der Wedeler Physiker hat sich intensiv mit der Unternehmensgeschichte der Firma J. D. Möller Optische Werke beschäftigt und nennt den Firmenchef, der 1897 als Lehrling in den väterlichen Betrieb einstieg und ihn nach dem Tod des Vaters Johann Diedrich Möller 1908 übernahm, zu Recht einen unternehmerischen Visionär. Das zeigte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Als alles in Trümmern lag, setzte Hugo Möller geistesgegenwärtig auf Dieseleinspritztechnick für Schiffsmotoren.

„Alles lag am Boden, aber Schiffe sollten wieder laufen“, erläutert Maschinenbaumeister Georg Körner, in den 1960er Jahren Abteilungsleiter der Sparte, die einleuchtende Schlussfolgerung, die Möller 1945 zog. Viele Schiffe, die im Krieg versenkt worden waren, wurden jetzt gehoben. Man benötigte sie beim wirtschaftlichen Wiederaufbau für den Warentransport. Die Reparatur dieser großen Maschinen der Schiffe könnte also zum großen Geschäft werden, lautete das Möllersche Kalkül.

Da der Firmenchef nicht nur Weitsicht im unternehmerischen Sinne hatte, sondern auch ein Gespür für die richtigen Personen auf der richtigen Position, griff er zu, als das Schicksal den Maschinenbauingenieur Günter Stamm in die Wedeler Region spülte. Stamm hatte nicht nur die passende Ausbildung, sondern auch Initiative gezeigt. Um am Ende des Krieges aus Penemünde herauszukommen, hatte der Ingenieur kurzerhand ein U-Boot gekapert und sich und seine Familie auf diese Weise nach Kiel befördert, erzählt Körner. Stamm wurde Möllers Betriebsleiter und hatte in dieser Funktion großen Anteil am Ausbau des Firmenbereichs. „Die Dieseleinspritztechnik für Schiffsmotoren war jahrelang ein tragender Pfeiler des Unternehmens“, erläutert Körner.

Die Maschinen der Schiffe waren riesengroß. Ihre Leistung reichte von 8000 bis zu 25000 PS. Bei Einspritzpumpe, -ventil und -düsen allerdings ging es um Feinstbearbeitung, erklärt Abteilungsleiter Körner, um 1000stel Millimeter. Im Technicon sind die in Relation wirklich recht kleinen Einspritzventile zu bestaunen. Eine Pumpe drückt den Brennstoff, das Schweröl, in die Ventilkammer, erläutert Körner die Funktionsweise. Die Nadel öffnet sich und Millionstel Brennstoff spritzt durch feinste Düsen in den Motor ein. Dort entzündet er sich durch hohen Druck selbst. „Natürlich sorgt eine Steuerung für den richtigen Augenblick“, fügt Körner an. Die Herausforderung der Technik besteht in der absoluten Dichtigkeit, die die arbeitenden Teile untereinander erreichen müssen. Ohne Dichtungsmasse zu verwenden muss Fläche auf Fläche komplett abschließen, erläutert der Maschinenbaumeister. Das gelingt nur, wenn die Flächen keine Kratzer aufweisen.

Abteilungsleiter ist Körner übrigens von einem auf den anderen Tag geworden. „Ein Sprung ins kalte Wasser“, sagt er und lacht. „Er war der einzige, der so genau bohren konnte“, lobt de Wall dessen Geschick. „Ja, da ist schon viel Gefühl dabei“, gibt Körner zu. Später reparierte Möller nicht nur, sondern baute die Einspritztechnik auch in Lizenz selbst. „Die Cup San Diego müsste noch einen Möller-Satz drinhaben“, weiß der Firmenhistoriker.

Nach gut 50 Jahren war dann allerdings Schluss. Die Technik passte nicht mehr zu Möller, so die Konzernentscheidung. Um die Jahrtausendwende ließ man das Geschäft mit der Dieseleinspritztechnik auslaufen.

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