Wedeler Geschichte : „Und wir haben weiter gespielt“

Zeitzeuge Harry Pahl wusste die Schüler richtig anzusprechen. Er machte ihnen Geschichte „begreifbar“.
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Zeitzeuge Harry Pahl wusste die Schüler richtig anzusprechen. Er machte ihnen Geschichte „begreifbar“.

Eindrucksvoller Unterricht: Zeitzeugen schildern im Rist-Gymnasium ihre eigenen Erlebnisse aus der Nazizeit.

shz.de von
13. November 2013, 16:00 Uhr

Harry Pahl braucht keine Dokumente, kein Anschauungsmaterial, keine illustrierenden Fotos, um Geschichte lebendig werden zu lassen. Der 87-jährige Wedeler stellt sich einfach hin – und erzählt. So lebendig, so spannend, so passend in der feinen Abstimmung zwischen allgemeinem historischen Bogen und veranschaulichenden eigenen Verhältnissen und Erlebnissen, dass die Schüler der 8 c des Johann-Rist-Gymnasiums, die dem Zeitzeugen gestern gebannt zuhörten, keine Pause wollten. „Nein“, riefen sie, als Klassenlehrerin Frauke Wandrowsky zart anfragte. Sie wollten weitermachen – und Berichterstatter Pahl ebenso.

Der war von der Schule über die Wedeler Zeitzeugenbörse angefragt worden, im Zuge des vielfältig historischen Datums 9. November in diesem Jahr über die Pogromnacht 1938 zu referieren. Der Nacht vom 9. auf den 10. November, als in Deutschland Synagogen in Brand gesteckt und jüdische Geschäfte zerstört wurden, als die Hatz auf die Juden ganz öffentlich und umfassend begann.

Doch Pahl, bereits zum vierten Mal als Zeitzeuge im Einsatz, beschränkte sich nicht auf das Datum allein. Er wollte auch vom Vorher und vom Nachher berichten. Ihm ist der Kontext wichtig. Die Verhältnisse, die die Menschen prägen. Der Zusammenhang, in dem alles geschieht. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die eine politische Entwicklung vorantreiben.

„Nur wer die Vergangenheit begriffen hat, kann die Zukunft gestalten“, gab er gleich zu Beginn seiner Schilderungen den Schülern mit auf den Weg. Wobei begreifen bei Pahl weit übers erzählt bekommen hinaus geht. Begreifen im Sinne von erfahren und reflektieren ist für den 87-Jährigen, der in Sülldorf und Blankenese aufwuchs, aber bereits seit 50 Jahren in Wedel wohnt, eine zentrale Vokabel, auf die er immer wieder zurückkam. Die ihm Ansporn ist, von den eigenen Erlebnissen zu erzählen. Denn nur der kann begreifen, der die Verhältnisse von damals plastisch geschildert bekommt. Ehrlich und ohne Übertreibungen. Und nur wer begreift, kann die Dinge bewerten.

Und so erzählte Pahl denn auch – offen, ungeschminkt, gerade heraus und ohne sich zu verstecken. Etwa vom 10. November 1938, dem Tag, an dem er von der Pogromnacht erfuhr. Pahl hatte wegen guter schulischer Leistungen einen Freiplatz im Gymnasium in Blankenese ergattert. Bedeutet, er musste das teure Schulgeld nicht bezahlen. Ganz anders als in der behüteten Grundschule herrschte im reinen Jungen-Gymnasium eine kühle Atmosphäre. „Es gab keine Verbindung zwischen den Klassen und auch unter den Schülern nicht“, schildert er. Am 10. spielten sie – wie so oft in der Pause – mit zusammengeknülltem Brotpapier Ball. Neben dem Tor, aufgemalt auf die Toilettentür, standen aufgereiht acht Jungen an der Wand, die weinten. Warum sie weinten, wollten die Mitschüler wissen. Weil die Läden ihrer Eltern heute Nacht kaputt gemacht worden seien, antworteten sie. Ein Vater sei verschwunden. „Und wir haben weiter gespielt“, sagt Pahl. „Ist das nicht schlimm?“ Nach der Pause lief der Unterricht fort. Am nächsten Tag waren die acht Mitschüler nicht mehr da.

In der Schule damals wurde nicht über Politik geredet, erläuterte Pahl. Anders heute. Die Schüler der 8 c hatten viele Fragen und Zeitzeuge Pahl ermunterte die Jugendlichen, sie unbedingt zu stellen. Was daraus entstand? Ein lebhafter Austausch zwischen den Generationen. Genau das, was die Wedeler Zeitzeugenbörse intendiert. „Wir wollen Ältere und Jüngere in Kontakt bringen, Vorbehalte abbauen“, erläuterte deren Initiatorin Dorothea Snurawa (Foto), die zwischen den Schülern saß und das Gespräch fleißig protokollierte.

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