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Premiere : Theater in Holm: Séance und Weltklasse-Weinen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Die Theaterwerkstatt Holm amüsiert mit „Mörder mögen's messerscharf“. Starke Ensemble-Leistung zum 30-jährigen Bestehen.

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2014 | 06:00 Uhr

Holm | Schaurige Atmosphäre. Ein Geist. Wird es gruselig mysteriös? Nein. Ein Mord. Polizeiermittlungen. Wird es kriminalistisch spannend? Nicht wirklich. Mit „Mörder mögen's messerscharf“ hat die Theaterwerkstatt Holm zum 30-jährigen Bestehen einen großen Jux auf die Bühne gebracht. Zynismen, Wortspiele, Überzeichnungen und Skurrilitäten – als leichte, heitere Kost hat die Premiere mit einem stark aufspielenden Ensemble vergnügt.

Ansgar von Herrschershausen (Marcus Stocker) versteht die Welt nicht mehr. Keiner nimmt ihn wahr. Etwas stimmt nicht: Der Baron ist in der Nacht zuvor vom Verwalter (Michael Höhs) ermordet worden und nun ein spukender Geist. Seine junge Gattin Lukretia (Anke Müns) hatte es auf ihn und sein Anwesen abgesehen und die Fäden gezogen. Onkel und Tante des toten Barons (Jürgen König und Gaby Lipp) bangen angesichts der herzlosen Baronin um ihr Altersasyl. Hausmädchen Sophia (Svenja Kunz) ist todtraurig – hatte sie den Baron doch insgeheim geliebt. Ausweg sollen Butler Johanns (Gerd Leichsenring) Kontakte sein, der die Polizei (Janine Haan und Florian Isachsen) ins Anwesen holt, um die Mörder dingfest zu machen.

Spannung kommt bei „Mörder mögen's messerscharf“ nicht auf. Die Sachlage ist von Anfang an klar. Die kriminalistische Anlage ist ein Vehikel, um Szenenwitz zu entfalten. Der gelingt dem Holmer Ensemble durch die Bank und bringt die Stärke des Stücks hervor, das nicht auf sein dramaturgisches Geschick setzt, sondern auf den humoristischen Zauber seiner Figuren. Dass sich die Holmer Mimen unter Regie von Berthold Zacharias davor feien, ihre Rollen zur offenkundigen Albernheit zu überzeichnen, ist der Clou ihrer gelungenen Inszenierung.

Stocker kommentiert gleichsam einem Erzähler als Geist süffisant die Aufklärungsversuche des eigenen Mordes. Müns stolziert, näselt und heuchelt als kriminelle Energie so überzeugend durch das Stück, das man es fast ernst nehmen könnte. Als distinguierter Butler rezitiert Leichsenring mit Verve ganze Menüfolgen und verziert „Zimt und Muskat“ als exquisit mit einem Küsschen, das so gar nicht zu seinem spröden Charme passt. König und Lipp tauchen als greise Hobby-Séancler eigentlich nur auf der Bühne auf, um dem Stück „lorioteske“ Noten zu verleihen und Lipps Honoria als kalkuliert begriffsstutzig-schwerhörige alte Dame in vergnügliche Szene zu setzen. Höhs spielt den zum Mord angestifteten Verwalter, der beim Töten auf Handschuhe verzichtet, weil er sie selbst waschen muss, so naiv, dass man für größtmögliche Milde plädieren möchte.

Als liebesblödes Hausmädchen wartet Kunz mit einem in sich gekehrten Weltklasse-Weinen auf, von dem sich mancher „Tatort“-Mime eine Scheibe abschneiden sollte. Haan erhält mit gutem Timing als Kommissarin souverän den Fluss der Handlung und ergänzt sich mit der flapsigen Bissigkeit von Isachens destruktiv-nöligem Assistenten. Gottfried Stockmeyer ist zudem nicht nur als Bühnenmaler eine Bereicherung, sondern auch als sonore, unmenschliche Polizeihotline-Stimme, die grausam beharrlich ist.

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