Stanztechnik der Extraklasse

Das Firmengelände nach der Erweiterung in den 1960er Jahren.
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Das Firmengelände nach der Erweiterung in den 1960er Jahren.

1954 siedelte sich Possehl in Wedel an / Blütezeit mit rund 400 Beschäftigten / Bei Schließung 2004 mussten 180 Mitarbeiter gehen

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06. März 2018, 16:00 Uhr

Übriggeblieben ist das Haupthaus mit der markant rhythmisierten Fassade mit viel Glas und Backstein, aus der dynamisch der Eingangsbereich hervorspringt: Die Geschichte der Firma Possehl in Wedel ist durchaus eine Erfolgsgeschichte, allerdings ohne Happy End. Im Technicon ist sie gut dokumentiert. Einen ganzen Tisch voller Objekte, Dias und Unterlagen haben die Mitarbeiter der industriegeschichtlichen Sammlung für unser Gespräch über den Elektro- und Medizingerätebauer zusammengestellt. Die detailreichen Fakten dazu liefern zwei ehemalige Beschäftigte: Betriebsschlosser Walter Hartz und Werner Herz, der bei Possehl Wedel als Konstrukteur für den Werkzeugbau angefangen hat und später für die Betriebstechnik zuständig war.

Seit 1847 gibt es die Firma bereits. Sie wurde von Ludwig Possehl in Lübeck als Kohlen- und Eisenhandlung gegründet. Auch Sohn Emil wirtschaftete gut, hatte aber keine Erben, weswegen fortan eine Stiftung die Geschäfte übernahm – und sie auch heute noch führt. Ende 1930 siedelte sich ein Zweig von Possehl in Hamburg an. Der Erz- und Chemikalienhandel importierte und verarbeitete Glimmer aus Indien, ein Mineral, ähnlich wie Schiefer geschichtet, das dort in besten Vorkommen zu finden war, erläutert Herz. Glimmer ist sehr hitzebeständig. Es wurde beispielsweise für Guckfenster in Öfen eingesetzt. Viel wichtiger aber wurde für Possehl die Verarbeitung in der Radioröhrentechnik. Ausgestanzte Glimmerscheiben waren zum Beispiel nötig, um die heißen Röhren in Position zu halten.

Die Röhrenteilproduktion in Hamburg wurde während des Krieges ausgebombt und zog nach Hohenlockstedt um. Weil dort irgendwann der Platz fürs prosperierende Unternehmen zu klein wurde, suchte man sich Anfang der 1950er Jahre neue Flächen – und stieß auf Wedel. Dort an der Rissener Straße war auf dem Gelände der Wedeler Außenstelle des KZ-Neuengamme gerade das Unternehmen Scillo mit einem gigantischen Projekt des Architekten und Städtebauers Hans Bernhard Reichow gescheitert. Reichow plante vertikal zur Straße gestaffelt drei langgezogene, zwei- und dreistöckige Hallen sowie dahinter ein Hochhaus, das mit zwölf Stockwerken alles überragte. Realisiert wurde dann lediglich der vorderste Bau, in den Possehl 1954 mit der Elektronik und Isolierstoffe GmbH einzog.

„Possehl in Wedel beschäftigte hervorragende Werkzeugmacher“, betont Herz. Die Gestelle der Stanzmaschinen kamen aus der industriellen Fertigung. Die Stempel darin aber waren feinste Handarbeit: „Mit einer Toleranz von wenigen hundertstel Millimetern. Für die damalige Zeit im Metallhandwerk war das besonders.“ In der Blütezeit beschäftigte Possehl rund 400 Mitarbeiter. In der Fertigung vorwiegend Frauen, als Werkzeugmacher und in der Qualitätskontrolle in der Regel Männer.

Anfang der 1960er Jahre wurde der Standort Wedel erweitert. Neue Hallen kamen auf dem Gelände hinzu, das räumlich bis an den Kronskamp heranreicht, sowie ein extra Kesselhaus für die Dampfkessel. Als es mit der Röhrentechnik zuende ging, kam die Krise. Vorher hatte man schon versucht, auf andere Isolierstoffe auszuweichen. Jetzt suchte man neue Betätigungsfelder zu erschließen. Mit der Produktion von Stanzteilen aus Metall entwickelte sich ein ganz neuer Produktionszweig mit einem neuen Maschinenpark und Mitarbeitern, die in der Metallstanzerei Erfahrung hatten.

Auch ein völlig neues Anwendungsgebiet tat sich auf. Kleinteile zur Weiterverarbeitung, beispielsweise Träger für Mikroprozessoren in der Computertechnik und Metallstanzteile für LED. Hochtechnologie: Die Stanzmaschinen arbeiteten mit 800 bis 1000 Hüben in der Minute und lieferten Chargen in Millionenhöhe.

Von den 1970ern hatte sich die Metallstanzerei bis zur Jahrtausendwende zum Höhepunkt entwickelt, berichten die ehemaligen Mitarbeiter. Wieso der Standort Wedel wenige Jahre später abgewickelt wurde, können sie nur mutmaßen. Möglicherweise sei der Trend nach Asien zu gehen und dort fertigen zu lassen, ein Beweggrund für die Managemententscheidung gewesen. Auch Possehl ging unter anderem nach Hongkong und Singapur. Zudem wurde in Wedel viel Entwicklungsarbeit geleistet, das koste Geld, so die beiden. 180 Mitarbeiter mussten gehen. Als einer der letzten schied Herz 2007 aus.

Seitdem bröckelt die markante Fassade des Reichow-Gebäudes. 2012 kaufte die May-Gruppe das Gelände. Der Investor plant einen Bau- und Pflanzenmarkt, für den das Gebäude dann abgerissen würde.

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