Spitzenarbeit: Greifswalder Hof restauriert

Das Haus zum 100. Geburtstag 2008  in voller Pracht.
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Das Haus zum 100. Geburtstag 2008 in voller Pracht.

Turm der Architektur-Perle erstrahlt in neuem Glanz

shz.de von
07. Juni 2014, 10:00 Uhr

„Opa, Opa, da ist was runtergekommen“, riefen Niklas und Julian, als vor dem Wohnzimmer des Großvaters im Dezember die Turmspitze der Wedeler Jugendstilvilla „Greifswalder Hof“ herabstürzte. „Es rummste in der Stube. Die Kinder konnten sich gar nicht beruhigen – für die beiden war das ein Abenteuer“, erinnert sich Hans Ambauer (76) heute.

Die Feuerwehr kam. Reste von der Turmspitze mussten vom Dach geholt werden. 20 Biberschwänze und zehn Schieferpfannen hatte Orkantief Xaver ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Spitze – etwa 90 Kilogramm Material – lag im von Miteigentümerin Ute Wichmann wohlgepflegten Garten und in der Auffahrt. „Gott sei dank ist sie niemandem auf den Kopf gefallen“, sagt Ambauer.

15 000 Euro Versicherungsschaden hat das Orkantief hinterlassen. „Wo ist die Spitze?“, wurden Ambauer, Wichmann und die restlichen sechs Bewohner des 108 Jahre alten Hofs immer wieder gefragt. Drei Monate und geschätzte 300 Netto-Stunden brauchten Meister Oliver Schulz und sein Team aus Holm, um sie zu rekonstruieren. „Das ist ein kleines Kunststück in der heutigen Zeit. Blech- und Faltarbeiten beherrscht nicht jeder“, sagt Ambauer.

Die alte Spitze haben sich die Handwerker angesehen und sie vermessen – der traditionell in der Halbkugel verwahrte Bauplan fehlte. Aus Zink und Edelstahl ist sie nun vollkommen neu gefertigt worden. Die vielen Einzelstücke haben die Monate gebraucht. Die Wetterfahne zeigt das Baudatum, 1908, des sechs Eigentumswohnungen à etwa 75 Quadratmeter umfassenden, ehemaligen Hotels und Gasthauses. Sogar vier Blumen – vermutlich Lilien – aus Edelstahl zieren die Spitze. Für die Drehbarkeit steckten Schulz und Geselle Jürgen Gähl eine konventionelle Kindermurmel als Lager in die Stange – kein alltägliches Utensil ihrer Arbeit.


70-seitige Chronik zum 100-Jahre-Jubiläum


Für das Anbringen wurde eigens ein Gerüst um den 20 Meter hohen Turm gebaut. Acht Ebenen mussten erklommen werden, bis vom Turmdach aus die Elbe zu sehen ist. Die Bleieinfassung für die runde Form am Fuß der Spitze haben die Handwerker auf diese Weise vor Ort machen können. Von dem Arbeitslärm haben die Bewohner des denkmalgeschützten Hauses wenig mitbekommen. Die Wände messen 40 Zentimeter, und auch die Decken sind dick.

Nun prangt die Spitze wieder auf einem von Wedels schönen architektonischen Prunkstücken, über das Wichmann eine mehr 70-seitige Chronik zusammengestellt hat, die die bewegte Geschichte mit zwei Beinahe-Zerstörungen erhält. „Jetzt müsste der „Greifswalder Hof“ nur noch schöner liegen, an der Elbe oder in einem Park“, sagt Ambauer – das wäre der stuckverzierten Villa in der Mozartstraße angemessener.


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