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Wedel : Spendensammlung: Ein Nagel für einen Groschen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 27.Nov.2014 | 12:50 Uhr

Wedel | „Ein grauer Novembermorgen bricht an. Kalter feuchter Dunst liegt auf unserem Städtchen. Dumpfer Trommelklang, schrilles Pfeifengetön dringt durch die Straßen. Dieser Weckruf und die fahnengeschmückten Häuser lassen einen besonderen Tag erwarten. Dann junge Stimmen in den Sonntagmorgen. Deutsche Jugend marschiert im Kampf gegen Hunger und Kälte.“ Nein, was hier in kriegerischem Ton kommentiert wird, ist kein sportliches Warmmachen im Turnvater-Jahn- Schwulst. Vielmehr wurde die Jugend aufgeboten, um gegen die allgegenwärtige Armut und den Hunger der arbeitslosen Bevölkerung die Initiative zu ergreifen.

Was die Wedel-Schulauer-Zeitung am 23. November 1933, fast genau vor 81 Jahren, euphorisch ausmalte, war eine Sammelaktion des kurz zuvor gegründeten „Winterhilfswerks des Deutschen Volkes“. Was die Partei für ihre eigenen Zwecke propagandistisch ausschlachtete, war der Versuch einer Linderung der drückenden existentiellen Not weiter Bevölkerungskreise. Im Winter 1933 / 34 sollen davon 16,6 Millionen Menschen im Reich betroffen gewesen sein. Die großangelegen Sammlungen ergaben bis zu 400 Millionen RM. Das waren fünf RM Spende pro Kopf der Bevölkerung. In Form von Sachspenden wurde die Summe an die Bedürftigen weitergeben, etwa 25 RM pro Kopf (Angaben aus dem Brockhaus von 1938).

Mittelpunkt der Wedeler Sammlung an diesem grauen Novembertag war die Nagelung eines Hakenkreuzes. Für einen Groschenbetrag konnte jeder Spendenwillige einen Nagel erwerben und gleich an der Holzwand einschlagen. In den späteren Jahren diente hierzu der Reichsadler als Motivvorlage. Die Hilfsbereitschaft, die den Volksgenossen schon lange vorher, nämlich in der Weimarer Zeit, abverlangt wurde, geriet von Jahr zu Jahr unpopulärer. Wären nicht die HJ und die Partei-Uniformierten zugegen gewesen, der Bürgermeister Dr. Harald Ladwig hätte den ersten Nagel ohne Publikum einschlagen müssen. Anlass, im Anschluss nochmals durch die Wedeler Straßen zu marschieren, um die Volksgenossen mit Lautstärke an ihre solidarische Pflicht zu erinnern. Im Laufe der Woche sei noch Gelegenheit, die versäumte Nagelung nachzuholen!

Seine herzlichen Dankesworte richtete der Bürgermeister „an die leider nur in geringer Zahl erschienenen Bürger“. Die Abneigung gegen die ständigen Anbetteleien blieb bestehen. Grund genug für besonders Parteigläubige, die Widerwilligen bei der Polizei zu denunzieren. Im Winter 1935 traf es den Schlachter Lieker (Rollberg), der bei einer Sammlung an der Haustüre gesagt haben soll: „Die Lasten sind sehr hoch. Die Regierung legt einem den Strick um den Hals; Schweine hat man im Stall und darf sie nicht verkaufen. Und dann soll man hierfür noch geben.“ Und obwohl Lieker 20 Pfennige in die Sammeldose steckte, wurde seine Aufmüpfigkeit durch ein Verhör bei der Ortspolizei geahndet.
 

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