zur Navigation springen
Wedel-Schulauer Tageblatt

18. August 2017 | 07:13 Uhr

Seine Leidenschaft hat Zähne und Naben

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Passion trifft Engagement Der 51-jährige Wedeler Bernd Sander leitet die Werkstatt der „Radgeber“, die Flüchtlinge und Bedürftige mit Fahrrädern versorgen

Bernd Sanders Leidenschaft sind Fahrräder. Der 51-jährige Wedeler ist ein zurückgenommener Mensch. Kein Draufgänger. Keiner, der sich in den Vordergrund drängt, aber einer mit einem wachen Blick und einer stillen Präsenz. Sanders ist ein ruhiger Zeitgenosse, dem man die Gefühle nicht im Gesicht ablesen kann. Kommt das Gespräch aber auf sein Lieblingsthema Fahrräder, dann leuchten seine Augen und er strahlt. „Ich zerleg ein Fahrrad komplett in seine Einzelteile und bau es dann wieder zusammen“, erzählt er nicht ohne Stolz.

Dass Sanders Chef der Wedeler „Radgeber“ ist, der Fahrradwerkstatt, die für Flüchtlinge und Bedürftige alte Räder wieder flott macht, scheint logisch und folgerichtig. Ist es aber nicht. Denn angefangen hat der Techniker mit etwas ganz anderem: mit Heizungen. Erst über Umwege ist Sander zu seiner Passion gekommen.

Sander wuchs in Hamburg auf. In Jenfeld besuchte er die Otto-Hahn-Gesamtschule. Nach dem Hauptschulabschluss hängte er noch ein Berufsvorbereitungsjahr an. „Danach hab ich dann bei Krumme in Holm gelernt.“ Seine Familie hatte sich nach Wedel orientiert, da passte der Heizungsbau-Ausbildungsbetrieb in der Nachbargemeinde ausgezeichnet.


Einschneidender Fahrradunfall


Drei Jahre lernte Sander dort. Dann war er fertiger Heizungsbauer. Doch er konnte nicht übernommen werden. Er orientierte sich um und fand in Wedel bei Sauer und Sohn in der Feuerverzinkerei eine Anstellung. Später sei er dann bei wechselnden Sanitärfirmen beschäftigt gewesen, berichtet Sander. Bis zu seinem Unfall.

„1992 bin ich mit einem vollbepackten Fahrrad in ein parkendes Auto reingefahren“, erklärt der 51-Jährige lakonisch. Sein Knie stieß ins Rücklicht. Sanders zeigt, wo seine Kniescheibe hinrutschte: eine gute handbreit oberhalb der Beugung. Unterhalb der Kniescheibe waren alle Sehnen durchtrennt. Ein spektakulärer Unfall, mit dem er sogar im Tageblatt landete. „Sommerloch“, kommentiert Sander verschmitzt. Mehr als ein halbes Jahr laborierte er an den Verletzungen herum.

Er sei dann erstmal zu seiner Mutter nach Cismar bei Grömitz gezogen, berichtet er. Und schiebt noch etwas Persönliches ein: „Zwischendurch hab ich meine Frau kennen gelernt“, sagt Sander in trockenem Understatement. 1996 kam Sohn Björn zur Welt. Da lebte die Familie bereits in Neustadt. Weitere Stationen in Schleswig-Holstein folgten. 2001 aber ging’s zurück an die Elbe. „Es hat uns wieder nach Wedel gezogen“, bekennt Sander.

„Mit zwölf Jahren hab ich mein erstes Fahrrad selbst zusammengebaut“, erinnert er sich. Die Farbe? „Rot“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Der Fahrradrahmen stammte vom Sperrmüll, die einzelnen Teile hat sich Sander zusammenorganisiert. Er ist Autodidakt. „Ich habe mir alles selbst beigebracht“, sagt er stolz. Zurück in Wedel machte er dann zum ersten Mal seine Leidenschaft zum Beruf. Als Selbstständiger eröffnete er ein Fahrradgeschäft für Gebrauchträder mit angeschlossener Reparaturwerkstatt. Doch irgendwann musste er aufgeben. Zu den „Radgebern“ stieß er durch einen glücklichen Zufall. Aus dem Bus heraus habe seine Frau die neu aufgemachte Fahrradwerft gesehen, damals noch in der alten Bücherei in der Wedeler Bahnhofstraße beheimatet, erzählt Sander. Einen Tag später ging er hin: „Seitdem bin ich dabei.“Ende April 2016 musste die Fahrradwerft raus aus den zentralen Räumen in der Innenstadt. Seit November haben die Ehrenamtlichen Unterschlupf im Diakonieverein Migration in der Gärtnerstraße 5 gefunden. Im großen ebenerdigen Ladenbereich, in dem sie sich eingerichtet haben, herrscht erstklassige Ordnung. Noch eine Leidenschaft des 51-Jährigen. Dynamos, Zahnkränze und Zahnräder, Achsen und Tretlager, Bremsen, Schaltwerke sowie die unterschiedlichsten Rädchen und Schrauben haben alle ihren eigenen Karton. An der Wand hängt das Werkzeug. „Ich habe die Werkstatt mit aufgebaut“, berichtet Sander, der zum Werkstattleiter berufen wurde.

Dienstags und donnerstags zwischen 13 und 17 Uhr können Flüchtlinge und Bedürftige dort nach Fahrrädern fragen. Aber auch jeden anderen Nachmittag ist Sander in der Werkstatt anzutreffen. Dann schraubt er an den besonders schwierigen Fällen. Gerade musste er beispielsweise ein falsches Tretlager auswechseln. „Der Vierkant vom Zahnkranz war zu kurz“, erklärt der Fachmann, für den das kein Problem ist. Man spürt die Lust an der Arbeit, die Sander begleitet. Oder er schlachtet Räder aus, die nicht mehr zu reparieren sind, und füllt so das Lager der Ersatzteile auf. Damit die Flüchtlinge den Wert der Gabe zu schätzen wissen, ist es Konzept der „Radgeber“, sie mit kleinen Reparaturen einzubinden. „Ein Rad geht mindestens pro Öffnungstag raus“, sagt er. Nachschub wird also immer benötigt.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 29.Apr.2017 | 16:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen