Stolpersteine geplant : Schulprojekt über die dunkle Vergangenheit von Wedel

17 Schüler der Humboldt-Schule recherchierten mit Lehrerin Sonja Strecker (v. r.) und Stadtmuseumsleiterin Sabine Weiss Lebensläufe von NS-Opfern.
17 Schüler der Humboldt-Schule recherchierten mit Lehrerin Sonja Strecker (v. r.) und Stadtmuseumsleiterin Sabine Weiss Lebensläufe von NS-Opfern.

GHS-Schüler planen Verlegung von Stolpersteinen für Nazi-Opfer. Ausstellung zum Thema Euthanasie im Stadtmuseum.

shz.de von
22. Januar 2015, 16:00 Uhr

Wedel | „Als der Aufruf von Sabine Weiss kam, habe ich sofort gesagt, dass ich da mitmachen will“, sagt Sonja Strecker. Die Weltkunde-Lehrerin an der Gebrüder-Humboldt-Schule (GHS) rief eine Projektgruppe ins Leben, in der 17 Schüler der 9. und 10. Klassen in Wedels Vergangenheit recherchieren. Wedels dunkler Vergangenheit. Sie suchen nach Opfern des Nationalsozialismus, für die „Stolpersteine“ angelegt werden sollen. Die vorläufigen Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren sie von heute bis zum 8. Februar im Rahmen der Ausstellung „Euthanasie. Die Morde an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Hamburg im Nationalsozialismus“ im Stadtmuseum.

„Als wir angefangen haben, dachte ich, dass es sehr einfach ist. Ein bisschen recherchieren und Informationen sammeln“, sagt Lisa. Das war im Herbst 2014. Doch schnell stießen die Schüler an ihre Grenzen. Im Internet – als wichtigstes Recherche-Medium – gab es nichts. „Wir mussten schon sehr, sehr tief in das Thema einsteigen, um Informationen zu finden“, erläutert die Schülerin. Einige Namen und Fakten lieferte Irmgard Jasker der Arbeitsgruppe. Material, das die Organisatorin der Friedenswerkstatt für die antifaschistischen Stadtrundgänge zusammengetragen hat.

Sechs Lebensläufe haben die Schüler aufgearbeitet. Etwa den von der Jüdin Jetta Hussmann, die sich am 17. Juli 1942 das Leben nahm – dem Tag, an dem sie den „Evakuierungsbefehl für Juden“ erhielt. Sie war für den Transport in das KZ Theresienstadt vorgesehen. Oder von Karl Timm – ein Soldat, der am 3. September 1942 in Hamburg erschossen wurde. Im Alter von 22 Jahren. Weil er zu spät von seiner Freundin in die Kaserne zurückgekehrt war.

Die Schüler forschten im Stadtarchiv, sprachen mit Zeitzeugen, Enkeln und lebenden Verwandten der sechs Opfer, von denen vier durch das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten ums Leben kamen. „Diese Art von Geschichte ist echt heftig“, sagt Hannah. Sie könne die damalige Situation nur schwer nachvollziehen, ist aber von den recherchierten Lebensgeschichten bewegt: „Wir kennen die Personen nicht. Sie haben kein Gesicht, aber ich kann mir vorstellen, wie schrecklich es für sie war.“

Das Thema Euthanasie wird oft totgeschwiegen

Die Gesichtslosigkeit vieler Opfer kann Sabine Weiss, Leiterin des Stadtmuseums, erklären: „Ein Kind mit Behinderung wurde als Strafe Gottes angesehen. Es galt als lebensunwert und damit auch als abbildungsunwürdig.“ Auch das Thema Euthanasie sei oft totgeschwiegen worden.

Die Vorbehalte hat auch Strecker schon zu spüren bekommen. Denn nicht alle Familien sind von der Idee der Stolpersteine begeistert. „Eine Familie lehnt das Projekt deutlich ab. Sie möchte nicht mehr darüber sprechen“, so die Pädagogin. Zudem bestehe Angst vor persönlichen Angriffen. Derzeit führe sie Gespräche mit den Familien der damaligen Opfer. Im Februar – spätestens bis zu den Osterferien – sollen die Anträge für die Stolpersteine gestellt werden. „Die Arbeit ist damit nicht abgeschlossen. Wir arbeiten so lange, bis die Stolpersteine verlegt sind“, so Strecker.

Bis auf einen Schüler bleibt die Gruppe bis Sommer 2016 zusammen und will weitere Informationen sammeln. Verlegt werden sollen die Stolpersteine an den letzten Lebensorten in Wedel, die die NS-Opfer selbst gewählt haben – im Roggenhof, Voßhagen, in der Gärtner-, Hörn- und Bahnhofstraße.

Das Konzept Stolpersteine stammt vom Kölner Künstler Gunter Demnig. Die Stolpersteine sind quaderförmige Betonsteine mit einer Kantenlänge von 96 mal  96 Millimeter und einer Höhe von 100 Millimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Mit entsprechend verlegten Gedenktafeln will Demnig an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. 50.000 Steine wurden bis Ende 2014 in Deutschland und 17 weiteren europäischen Ländern verlegt. Damit sind die Stolpersteine das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
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