Interview : „Schule muss begeistern“

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Ohne Freude kein Erfolg - Antonius Soest über sein Wirken, seine Ideale und seine Pläne für die Zukunft.

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29. Januar 2015, 10:00 Uhr

Wedel | Knapp 15 Jahre lang war Antonius Soest Leiter der Gebrüder-Humboldt-Schule. Mit dem gebürtigen Sauerländer geht ein Streiter für gemeinsames Lernen voller Rücksichtnahme, Freude und Leistungsbereitschaft. Wer ihn kennt, weiß, dass er auch in Zukunft nicht schweigen wird, wenn es um das Recht aller auf Bildung geht.

Herr Soest, was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Er soll sich freuen auf einen unglaublich interessanten Job, in dem man über sich und die Welt viel lernen kann. Als Schulleiter muss man auch das tun, was ich Kindern immer zur Begrüßung gesagt habe und was für jeden vitalen Menschen gilt: Er muss über sich hinauswachsen. Und das wünsche ich ihm auch.

Was ist das Besondere an Ihrer Schule?
Es gibt drei Faktoren, die die Qualität unserer Schule ausmachen. Soziales Klima, pädagogische Struktur, innovative Kraft. Bei allen alltäglichen Widersprüchen und Belastungen haben wir ein ausgezeichnetes Klima an der Schule. Im Kollegium ist viel Wärme und Herzlichkeit. Ich habe mich in der Regel morgens auf das Kollegium gefreut. Und das war ein Zeichen, dass es zwischen uns stimmte. Wenn das nicht so war, haben wir gesprochen, reflektiert und gehandelt. Unsere zentrale Frage war immer: Wie können wir uns bei allen Leistungsunterschieden und individuellen Leistungswegen zusammengehörig fühlen? Für die Zukunft unserer Gesellschaft ist die Antwort unerhört wichtig. Schule muss immer in Bewegung sein, Erstarrung ist Gift. Von Puschkin wissen wir: „An die Stelle des Glücks hat Gott die Gewöhnung gestellt.“

Welche gesellschaftlichen und schulischen Veränderungen wären Ihrer Ansicht nach notwendig, um allen Kindern gerecht zu werden?
Ich bin sicher, dass sich in der Qualität eines Schulsystems die Qualität einer Gesellschaft spiegelt. In ihrem Schulsystem zeigt eine Gesellschaft, was aus ihr werden soll. Und da bin ich bei einem zentralen Problem: In meinen Augen ist die Ursünde des Systems die Trennung von Kindern im Alter von zehn Jahren. Im noch vorbewussten Zustand wird Kindern suggeriert, dass es quasi ein Naturgesetz sei, dass in dieser Lebenszeit Weichen gestellt werden müssen. Die Kinder nehmen es zum Teil schicksalsergeben an, und es vollzieht sich die Selffulfilling Prophecy. Schulen müssen begeistern, im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um geistige Entwicklung. An der Gebrüder-Humboldt-Schule gibt es viele Kinder, denen man am Ende der Grundschule eine eher schlechte Prognose gestellt hat. Unter ihnen sind so viele, die über sich hinausgewachsen sind. Gerade habe ich noch mit einem ehemaligen Schüler Kontakt gehabt, der eine Hauptschulempfehlung hatte und nun promovierter Physiker ist.

Was kritisieren Sie an der Umsetzung der Inklusion, der Integrierung förderbedürftiger Kinder in die Regelschulen?
Am Beispiel der Inklusion wird deutlich, wie fahrlässig die Gesellschaft mit Schule und Pädagogik umgeht. Da wird nichts weniger als eine pädagogische Revolution ausgerufen, ohne dass Schule und Pädagogik neu gedacht werden. Ein Superanspruch wird in alte Strukturen hineingepresst mit dem Resultat, dass viel Frustration entsteht. In der Schule muss Freude herrschen, wenn sie erfolgreich sein will. Leistungsbereitschaft und Freude sind Geschwister, die ohne einander nicht leben können. Inklusion ist eine große Chance für das Bildungswesen. Sie wird auf beklagenswerte Weise verspielt. Ich kann das Geschwätz von fehlender Finanzierbarkeit in schlechten Zeiten nicht mehr hören. Wenn man sagt, Inklusion oder Ganztag sei nach Maßgabe pädagogischer Wirksamkeit nicht finanzierbar, muss man es lassen oder auf etwas anderes verzichten.

Gibt es Entscheidungen, die Sie bedauern?
Nein, ich bedaure nichts. Aber ich weiß, dass ich vielen einzelnen Menschen in ihrer Besonderheit nicht gerecht geworden bin. Das tut mir leid.

Werden Sie Schüler und Kollegen vermissen?
Ich werde sie sehr vermissen. Ich werde Auftritte unseres Chores und so viele besondere Aktivitäten unserer Schülerinnen und Schüler vermissen. Es ist großartig zu sehen, wenn Kinder zeigen, was sie können. Auch wenn die Qualität unterschiedlich ist, die Haltung, das Sich-selbst-Ernstnehmen, ist entscheidend. Und die Kollegen haben mir am einen Abschied bereitet, der mir unvergesslich bleibt.

Wie wollen Sie Ihren neuen Lebensabschnitt gestalten?
Ich habe viel über Schule, über den Vorgang des Lernens und über Menschen überhaupt gelernt. Ich werde das nicht einfach abschütteln können und zum nächsten Tagesordnungspunkt meines Lebens übergehen. Ich werde mich sicher weiter irgendwie damit befassen. Dennoch freue ich mich darauf, wieder mehr geistig und körperlich vagabundieren zu können wie in Studentenzeiten.

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