Richard Schmidts Exportschlager

Immer bei der Arbeit: Entwickler Richard Schmidt.
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Immer bei der Arbeit: Entwickler Richard Schmidt.

„Rolancita“ hat der Wedeler Entwickler seine Handnähmaschine genannt, die er nach dem Krieg nach Übersee verkaufte

shz.de von
31. Juli 2018, 16:00 Uhr

„Ich kenne meinen Vater eigentlich nur im weißen Kittel und am Reißbrett“, erzählt Doris Wildgruber und lacht. Richard Schmidt war nicht nur ein findiger Entwickler und ein äußerst kreativer Kopf, sondern auch ein unermüdlicher Unternehmergeist, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Gunst der Stunde nutzte, um in Wedel eine Handnähmaschinenfabrik aufzubauen. „Rolancita“ hat Schmidt sein besonders beliebtes Exportmodell genannt. Ein verbindender Gruß vom Wedeler Roland ins ferne Südamerika, denn der Absatzmarkt für die kompakten Geräte, die mit einer Kurbel am Schwungrad manuell in Gang gesetzt wurden, lag im außereuropäischen Ausland. In Südamerika war der Bedarf an Handmaschinen groß, darauf sei der Vater von einem Freund hingewiesen worden, erinnert sich seine Tochter Ingrid Brütt.

Schmidt, 1912 in Hamburg-Altona geboren, ging in Schulau zur Schule, machte auch in Wedel seine Lehre und seinen Meister und arbeitete als Maschinenschlosser bei IG Möller. 1946 sei er dann auf die Idee gekommen, sich selbstständig zu machen, berichten die Schwestern. „Bei seinen Schwiegereltern in der Riststraße 13 riss er im Hof einen 200 Jahre alten Schuppen ab und setzte dort ein Fabrikgebäude hin“, erzählt Wildgruber. Es herrschte Gründerstimmung und Schmidt wollte dabeisein. Mit Gebäckfüllmaschinen und Eisportionierern fing er an. „Die muss man immer so schön putzen“, sagt Brütt und lacht verschmitzt. Wildgruber führt den Eisportionierer, der im Technicon für die Schmidtsche Unternehmensgeschichte steht, vor. Etwas angelaufen, aber in seiner Funktionsweise tadellos.


Kein Geld fürs Patent

Weihnachten 1948 griff Unternehmer Schmidt dann zu und entwickelte, plante, konstruierte und vertrieb seinen ersten großen Exportschlager. Mit seiner „Rolancita“ stieß er in eine Lücke, denn die einzige Fabrik, die in Westdeutschland bisher Handnähmaschinen für den Export produziert hatte, war bis auf die Fensterrahmen demontiert worden, wie es in einem Zeitungsartikel heißt. „Nach dem Krieg war Demontage allgemein ein großes Thema“, erläutert Gerhard Kuper vom Technicon. „Die Konstruktion der Maschinen und Werkzeuge zur Herstellung der Einzelteile verschlang Zehntausende“, berichteten die Norddeutschen Nachrichten über Schmidts Angang. Aber der hatte Ausdauer – und Biss. Nach neun Monaten war die technische Entwicklung abgeschlossen. „Singer hatte die Nadel schräg stehen“, erläutert Brütt. Wahrscheinlich um eine bessere Sicht auf den Stoff und die Nähstelle zu erlangen. Das habe eigentlich ihr Vater entwickelt, weiß die Tochter. „Aber er hatte kein Geld, seine Erfindung zum Patent anzumelden. Darüber hat er sich immer geärgert. Das weiß ich noch.“

22 Mitarbeiter arbeiteten anfänglich in zwei Schichten an der Herstellung der „Rolacita“. Zur 10 000sten Auslieferung gabs ein Gedicht vom Unternehmerfreund und Feinmechaniker Georg Hase. Wildgruber erinnert sich noch gut an das rote Wachspapier, in das die Geräte eingeschlagen wurden. Das Holz für die Standfestigkeit kam aus Holm. Verschifft wurden die Maschinen in groben Holzkisten. „Ich seh das noch alles vor mir, das Spritzen, Lackieren und einpacken, vor der Tür haben sie das gemacht“, erzählt Wildgruber. Der Bedarf stieg schnell. Produktionsschritte mussten ausgelagert, neue Räumlichkeiten angemietet werden. Doch genauso schnell gings auch in den Konkurs. Schon 1952 musste die Produktion der „Rolacita“ eingestellt werden. „Der Markt war gesättigt“, vermutet Technicon-Mitarbeiter Sören Karstens. „Oder es kamen andere Entwicklungen auf.“

Doch Unternehmer Schmidt machte weiter. Er entwickelte beispielsweise Zulieferteile für die Zigarettenherstellung, für Heftmaschinen oder verschiedene Fassschlüssel für unterschiedlichste Ölfässer, weiß Brütt. 1954 versuchte es der Unermüdliche sogar noch einmal mit einer elektrischen Nähmaschine. Doch das lief nicht. „Urlaub, das Wort war für meinen Vater nichts“, erinnert sich Wildgruber. „Meine Mutter kannte ihn nur so: Frühstück, Kittel an und rüber in die Werkstatt.“ Den großen Erfolg der „Rolacita“ konnte Schmidt nicht wiederholen.

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