Pläne fürs Obstparadies

Im Streuobstwiesenverein hat Ralph Dieckmann den Vorsitz von Meike Brune übernommen / Reiche Ernte in diesem Jahr

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01. Dezember 2018, 16:00 Uhr

Die Kälte nagt an den Wangen, doch das macht hier niemandem etwas aus. Auf Wedels Streuobstwiese werden die letzten Äpfel zusammengesammelt. Bäume müssen beschnitten werden. Arbeiten, um das Obstparadies winterfest zu machen.

Auch Ralph Dieckmann ist jetzt täglich hier. Er hat den Vorsitz des Vereins Streuobstwiese Apfelsortenvielfalt Wedel von Meike Brune übernommen. Ein Besuch bei ihm vor Ort ist wie ein kurzer Wellnessurlaub für die Seele. Die Blätter rauschen nicht mehr, sie fallen schweigend von den Bäumen. Vögelgezwitscher dann und wann. Das Laub raschelt, wenn man hindurchstapft. Der Duft ist jetzt intensiver. Es riecht nach Erde, Apfel und frischer Luft. Wohin das Auge schaut, gibt es Besonderes zu entdecken. Eindrücke, die bleiben.

Das alles genießt Dieckmann jetzt mehrmals in der Woche einige Stunden am Tag. Der Selbstständige, der im Online-Marketing und für digitale Medien unterwegs ist, kann übers Handy vom Obstparadies aus arbeiten. Witterungsabhängig und nur für eine gewisse Zeit, versteht sich. „Es ist ein Traum hier“, schwärmt er. Dass der 49-Jährige dem Streuobstwiesenverein jetzt vorsteht, sei eigentlich Wedels Klimaschutzmanagerin Simone Zippel Schuld, erzählt Dieckmann und lacht.

Den Wattenscheider hat vor sieben Jahren die Liebe nach Wedel verschlagen. Als Zippel vor gut einem Jahr zur Klimaschutzkonferenz aufrief, machte Dieckmann mit. „Klimawandel, das Konsumverhalten der westlichen Welt, die Themen haben mich bewegt“, erläutert er. Der Grundstein für seine sehr ausgeprägte Affinität zur Natur wurde allerdings bereits in seiner Kindheit gelegt. „Ich bin zwar mitten im Ruhrgebiet, aber trotzdem am Wald aufgewachsen“, berichtet er. Das könnten die Leute oft gar nicht glauben. Direkt hinterm Haus fing der Wald an. Über den Zippel-Workshop „Wedel is(s)t regional“ und über die Initiative „Wedel im Wandel“ ist Dieckmann dann mit Brune in Kontakt gekommen, die einen Nachfolger suchte.

„Als allererstes habe ich Mal die Sense geschrottet“, erzählt Dieckmann von seinen ersten fünf Minuten auf der Streuobstwiese und lacht herzhaft. Ein Stein lag im Weg, den hatte er nicht gesehen. Dass hier nahezu alles manuell geschieht und fast noch mehr, dass seit gut 30 Jahren nie mit Pestiziden gearbeitet, nie gedüngt wurde, habe ihn fasziniert. Eigentlich wollte er sich als Ausgleich zur Computerarbeit schon lange im Fitnessstudio anmelden. Das hier sei aber viel besser: „Frische Luft, man macht etwas Sinnvolles und man spart Geld.“ Die körperliche Arbeit gefällt dem Wedeler. „Den einen oder anderen Muskelkater habe ich schon davongetragen“, bekennt Dieckmann. Letztens erst beim manuellen Saftpressen. Das sei höllisch anstrengend.

Haupttriebfeder zu übernehmen sei für ihn jedoch das drohende Aus fürs Obstparadies gewesen. Dieckmann trägt die Verantwortung für die Streuobstwiese aber nicht allein, das ist ihm wichtig. Er hat ein Team zur Seite, das Netzwerk weitet sich aus und Horst Tresselt ist auch immer noch regelmäßig mit dabei. Tresselt, mittlerweile jenseits der 80, aber immer noch in den Bäumen zu finden, hat den gut ein Hektar großen Garten mit weit mehr als 30 alten Apfelsorten, aber auch mit Kirsch-, Quitten-, Birnen-, Mirabellen-, Pflaumen- und Schlehenbäumen, insgesamt sind mehr als 200 Bäume zu betreuen, vor mehr als 30 Jahren angelegt. Und ist auch jetzt vor Ort, die letzten Äpfel zu ernten, den Rückschnitt zu erledigen und Baumringe zu ziehen.

Der Gründer ist nicht nur ein „wandelndes Obstlexikon“, wie ihn die Homepage beschreibt, sondern kann auch von vielen Begegnungen mit Tieren erzählen. Dieckmann beeindrucken diese tierischen Erlebnisse sehr. Seine Lieblingsgeschichte: Wie eine Maus laut quieckend auf Tresselts Fuß stieg, um ihre Jungen zu beschützen. Der Rehmutter, die jedes Jahr unterm Fliederbusch gebärt, darf Tresselt sich bis auf acht Metern nähern.

Der Streuobstwiesenverein möchte das Obstparadies nicht nur bewahren. Fürs nächste Jahr werden bereits weitere Pläne geschmiedet. „Wir möchten den Garten zum Naturerlebnis für soziale Einrichtungen machen“, berichtet Dieckmann. Naturerfahrungen für Kinder, Apfel-, Kräuter- und Blütenkunde für Erwachsene. Firmen könnten ihre Wissensvermittlung aus dem Seminarraum ins Freie verlagern. Dieckmann kennt bereits eine Fachkraft, die während des Spazierengehens coacht. Auch musikalische Abende und Lesungen sind angedacht. Die Ideen sprudeln.

Die Ernte sei in diesem Jahr besonders reichhaltig ausgefallen, berichtet Dieckmann nicht ohne Stolz. „Ich habe mir schon einen größeren Gefrierschrank zugelegt, für Apfelkuchen und so“, sagt er und lacht.

streuobstwiese-wedel.de

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