Wedel : Perlende Läufe statt Regenprasseln

Ein Meister seines Fachs: Chris Jarrett.
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Ein Meister seines Fachs: Chris Jarrett.

Fünfte Auflage von „Pianos an der Elbe“: 1600 Besucher feiern die Klavier-Virtuosen in der SVWS-Bootshalle.

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10. Juni 2014, 10:00 Uhr

Wedel | Mathias Christian Kosel war skeptisch: „Ich habe Angst vor dem angekündigten Gewitter am Sonntagabend“, sagte der künstlerische Leiter und Initiator von „Pianos an der Elbe“ am Sonnabend. Doch der Wettergott hatte ein Einsehen: Pünktlich zum Start des letzten Konzerts hörte es auf zu regnen. Perlende Läufe statt Regenprasseln, Erstgenanntes auf den Tasten der fünf Steinway-Flügel, was die 1600 Besucher des zweitägigen Piano-Festivals restlos begeisterte. Die fünfte Auflage der Veranstaltung im Schuppen 1 des Segel-Vereins Wedel-Schulau (SVWS) wurde wieder zu einem musikalischen Höhepunkt.

Los ging es am Sonnabendmittag mit dem Piano Slam. Zehn Nachwuchskünstler im Alter von 6 bis 16 Jahren hatten das zuvor im Steinway-Haus Hamburg ausgetragene Casting überstanden und durften ihre Fertigkeiten demonstrieren. In einer Pflichtrunde sollten Kompositionen zum Thema „Wasser“ vorgetragen werden, für die Kür war „Freestyle“ angesagt. Entscheiden durften die Zuhörer per Stimmkarte. Sieger wurde Rosbeh Hamidzadeh (16) aus Hamburg, vor Bendix Böttger, Sohn des Boogie-Woogie-Pianisten Gottfried Böttger. Der Gewinner erhielt nicht nur einen von Steinway gestifteten Förderpreis in Höhe von 300 Euro und die Ole-West-Skulptur „Der Tastenflosser“, sondern auch viel Lob von Kosel: „Sein Komponiertalent ist beeindruckend“.

Anna Scheps, die an der Yehudi Menuhin School in London studierte, setzte am Sonnabendnachmittag den musikalischen Reigen mit Klavierarrangements von klassischen Werken und Filmmusik fort. Am Abend saß am ferrariroten D-Flügel ein Mann, dessen Nachname besonders Jazzfans bekannt sein dürfte: Chris Jarrett, Bruder von Keith Jarrett. In fast akzentfreiem Deutsch sagte der US-amerikanische Pianist, dass er eigentlich eine Anekdote über seinen berühmten Bruder zum Besten geben wollte: „Die erzähle ich aber nachher, beim Verkauf von meinen CDs.“

Im Programm mit dem Titel „Tales of our Times“ stellte Jarrett auf eindrucksvolle Weise seine Tastenkünste unter Beweis. Anfangs asiatische Tonfolgen, dann träumerische Melodien, gepaart mit Pop- und Jazzelementen, um anschließend auf dem Flügel ein Klangwerk zu entfachen, dem die Zuhörer fast atemlos lauschten. Da waren sie, die perlenden Läufe über 88 Tasten. Avantgardistisch ein Blues, bei dem Jarrett die gesamte klangliche Bandbreite des Flügels nutzte – von den satt-warmen Tiefen über die „Basistöne“ bis in die glockenhellen Höhen. Und auch in Sachen experimenteller Musik setzte der Pianist Akzente, als er die Mikrofone im Flügelkorpus kurzerhand beiseite schob, mit den Händen auf den Holzteilen trommelte, die Saiten mit den Fingern anriss und nach einem dichten Gewebe komplizierter Rhythmus- und Klangstrukturen den Schlusspunkt der Komposition durch ein dezentes Schließen des Flügeldeckels markierte.

„Take Five“ hieß es am letzten Abend. Dazu hatte Kosel zwei Zwillingspaare eingeladen: Karolin und Friederike Stegmann sowie Jeannette und Sabrina Gründling. Am fünften Flügel saß der Steinway-Artist selbst. Die von ihm ausgewählte Musik umfasste Kompositionen aus dem Barock, klassische Werke von Brahms und Mendelssohn, Jazziges von Nikolai Kapustin, Romantisches von Smetana und Rachmaninoff sowie Evergreens von Händel und Bach.

Kosel brachte mit amüsanten Geschichten aus dem Leben der Komponisten die Zuhörer zum Schmunzeln. Die Besucher in der fast voll besetzten Boothalle erlebten ein von viel Schwung und musikalischer Vitalität bestimmtes Konzert, ein gelungener Abschluss von „Pianos an der Elbe“, das zu Pfingsten im nächsten Jahr wieder an gleicher Stelle stattfinden soll.

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