Stummfilm : Nosferatu geistert durch Wedel

Der ehemalige Rist-Schüler Tobias Lüning am Flügel.
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Der ehemalige Rist-Schüler Tobias Lüning am Flügel.

Tobias Lüning hat den kompletten „Nosferatu“-Stummfilm von 1922 mit Musik unterlegt. Zur Aufführung spielt der Komponist selbst.

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24. Januar 2018, 16:30 Uhr

Wedel | Wer hat nicht schon einmal von Nosferatu gehört oder den Vampir mit den spitzen Ohren, den Krallenhänden und den umschatteten großen Augen gesehen oder ihn sogar in kurzen Ausschnitten auf Zelluloid geschaut? Genau diese berühmte uralte deutsche und zur Legende gewordene Filmfigur geisterte jüngst durch Wedel. Genauer gesagt durch die Aula des Johann-Rist-Gymnasiums, die dann auch noch geheimnisvoll abgedunkelt war.

An dem renommierten Wedeler Gymnasium passiert allerdings nichts ohne tieferen Grund. Und der stand ganz oben auf der Bühne. Tobias Lüning ist ehemaliger Schüler, der in Wedel aufgewachsen und dort sein Abitur gebaut hat. Und er ist begeisterter Musiker, spielte schon zu Wedeler Zeiten in einer Jazz-Band, war im Schülerorchester. Heute ist Lüning Jurist in Bremen, greift aber immer noch gern zur Entspannung in die Tasten, denn die Familie mit den beiden Töchtern schätzt sein Hobby. Nun hat er die Filmmusik für den gesamten 2004 restaurierten Nosferatu-Film neu komponiert. Dazu gibt es zwar eine Filmmusik, aber die ist in großen Teilen verloren gegangen, er hat sie noch nicht einmal in den paar Fragmenten, die noch erhalten sind, gehört.

„Ein Freund hat mich dazu inspiriert, der den von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (Murnau war der Regisseur von Nosferatu) restaurierten Film bereits gesehen hat – und dann hat mich die Idee nicht mehr losgelassen“, erzählt er. Ganze drei Jahre hat er dazu gebraucht, Nosferatu in neue Töne zu kleiden.  Der Kinder-Klassiker „Peterchen und der Wolf“ diente als Leitfaden für die musikalischen Themen der einzelnen Figuren: Nosferatu natürlich düster, geheimnisvoll und dramatisch, Ellen Hutter leicht, schön und beschwingt, ihr Mann Hutter, der nach Transsilvanien reist, um Nosferatu ein Haus anzubieten, ernster, aber oberflächlich und naiv, die Menschen im transsilvanischen Dorf volkstümlich. Pianist Lüning spielte über 90 Minuten lang am Flügel auf der Bühne seine festen Themen, dazwischen improvisierte er genau auf das Geschehen auf der über ihm hängenden Leinwand abgestimmt.

Und das passte wie der berühmte Deckel auf den Topf. Ein Stummfilm – auch wenn er so gut ist wie der 1922 entstandene Nosferatu – ist völlig farblos ohne Musik, die die Dramatik und das Grauen unterstreicht und heraushebt, das Sprechen durch Töne ersetzt. Der Klangschöpfung konnte sich keiner der Zuschauer entziehen, beeindruckt und mit Gänsehaut diskutierten sie in der Pause das Erlebnis, Nosferatu einmal in der gesamten Fassung zu sehen – und vor allen Dingen auch zu hören und das auch noch live, genau wie anno dazumal bei den Aufführungen der Stummfilme.

Völlig begeistert zeigte sich auch Deutschlehrerin Nanette Vibach, die Lüning einmal unterrichtet hat und für die künstlerischen Veranstaltungen in der Aula des Gymnasiums zuständig ist, über das ungewöhnliche und hochklassige Event. Sie war sich mit allen anderen Gästen einig, hier etwas ganz Besonderes erlebt zu haben.

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