Neue Ideen für die Bücherei

Auch Stadtbücherei-Leiterin Andrea Koehn fühlt sich auf dem Sofa im Lesecafé pudelwohl.
Auch Stadtbücherei-Leiterin Andrea Koehn fühlt sich auf dem Sofa im Lesecafé pudelwohl.

Einrichtung in Wedel ist bereits auf dem Weg, zum Dritten Ort zu werden / Längere Öffnungszeiten durch das Konzept Open Library

shz.de von
16. Mai 2019, 16:00 Uhr

Wedel | Bibliothek? Laaaangweilig. Da muss man immer leise sein – und lesen. Außerdem stehen dort nur Bücher rum. Dieses verstaubte Image eines Bildungstempels haben die Büchereien vor langer Zeit schon abgelegt. Sie sind zu sozialen Orten geworden. Zu Räumen für Begegnung, Spielen, Lernen und Austausch. Zum Dritten Ort, wie Wedels Stadtbücherei-Leiterin Andrea Koehn erklärt. Den Begriff hat der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg eingeführt: Ein Mensch braucht einen Ort zum Wohnen, zum Arbeiten und zum Leben, lautet dessen Theorie.

Doch der Weg der Umwandlung ist noch lange nicht zu Ende. Es ist ein dauernder Prozess der Veränderung, dem die Büchereien unterworfen sind. Die neueste Idee die gerade aus Skandinavien und Amerika nach Deutschland einsickert: Open Library, Offene Bücherei. Das bedeutet: Die Bibliothek zeitweise auch ohne Personal zu öffnen. Den Benutzern den Zugang zu ermöglichen, obwohl niemand aufpasst. „Mein Traum ist es schon lange, die Kundenöffnungszeiten zu erweitern“, sagt Koehn voller Enthusiasmus.

Koehn will die Vision von einer Offenen Bücherei in Wedel umsetzen. Das wirft Fragen auf: nach technischer Machbarkeit, nach Sicherheit, nach Investitionen. Das verlangt aber auch einiges: Flexibilität und einen Vertrauensvorschuss an die Besucher. Den will die Leiterin gern gewähren. Schon heute kann man in der Wedeler Bücherei Kaffee trinken, sich für die Mittagspause im Lesecafé kleine Snacks mitbringen. Das ging bisher gut. Es wurde noch nie etwas verschüttet oder verschmiert, sagt Koehn: „Wir haben nicht das Gefühl, dass es ausgenutzt wird.“

65 Prozent der Kunden benutzen heute schon die Selbstausleihe. Nur 35 Prozent wenden sich noch an den Tresen. Meist sind das ältere Menschen und Kinder, erläutert die Leiterin. „Die Nutzer möchten schon noch betreut und beraten werden“, stellt Koehn klar. Auch die vielen elektronischen Angebote der Wedeler Bücherei brauchen eine Vermittlung. Vor allem Kinder benötigten Anleitung im Umgang mit dem Internet, wissen die Verantwortlichen.

Doch Fakt ist auch: Die Ausleihen gehen zurück. Das gilt nicht nur für Bücher – für die im Besonderen –, sondern auch für alle anderen Medien. Schon heute kommen die Besucher, weil sie die Bücherei als sozialen Ort begreifen. Das Lesecafé lädt zum Kaffeetrinken und Zeitunglesen ein. „Die Kaffeemaschine läuft sehr stark. Wir überlegen schon, einen festen Wasseranschluss für ein neues Gerät legen zu lassen“, sagt Koehn und lacht. In der so genannten Jugendecke entspannen Schüler auf Sitzsäcken, spielen an der Wii, treffen sich, quatschen und proben sogar manchmal für kleine Vorführungen. Daneben der Lernort mit elektronischen Nachschlagewerken und Unterrichtshilfen. Internet-PC-Arbeitsplätze sind mit Scanner und Drucker ausgestattet, so dass Bewerbungen sofort ausgedruckt und verschickt werden können. Und auch zwei Notebooks liegen zur Benutzung bereit. Zudem gibt es überall Arbeitsecken mit Stromanschluss für den eigenen Laptop.

An eine Aufstockung des Personals ist nirgendwo zu denken. Das Konzept der Open Library ist also auch aus einer Not heraus entstanden. Der Büchereiausweis ist die Eintrittskarte. Ein externer Security-Dienst und / oder Videokameras übernehmen die Überwachung. In Hamburg Finkenwerder probiert die Bücherhalle die Idee bereits aus. Und auch die Hamburger Zentralbibliothek hat bereits haufenweise Regale rausgeschmissen, um Raum für Sitzgelegenheiten zu schaffen – mit durchschlagendem Erfolg. Jetzt wird dort über eine Sonntagsöffnung nachgedacht. In Skandinavien bereits eine Selbstverständlichkeit. Dort werden in Büchereien Nähkurse angeboten, Bohrmaschinen ausgeliehen und kaputte Elektrogeräte repariert, weiß Koehn.

Ganz so exklusiv muss es in Wedel nicht werden. Die Bücherei-Leiterin ist erst einmal mit längeren Öffnungszeiten zufrieden. Über das Anliegen inklusive Investitionsvolumen für die Nachrüstung im Sicherheitsbereich muss jetzt die Politik beraten. „Wir versuchen, das Thema Anfang nächsten Jahres in die Ausschüsse zu bringen“, sagt Koehn.

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