„Natürlich wird da beschissen“

Als Berater von International Fund For Animal Welfare (IFAW) ist Ralf Sonntag weltweit auf Konferenzen im Einsatz.
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Als Berater von International Fund For Animal Welfare (IFAW) ist Ralf Sonntag weltweit auf Konferenzen im Einsatz.

Der Wedeler Meeresbiologe Ralf Sonntag über seine Teilnahme an der Artenschutzkonferenz und mafiöse Strukturen beim Elfenbeinhandel

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09. September 2019, 16:00 Uhr

Wedel/Genf | „Am Ende kann ich eine positive Bilanz ziehen“, sagt Ralf Sonntag. Der Meeresbiologe hat an der Artenschutzkonferenz in Genf teilgenommen. Als Berater des International Fund For Animal Welfare (IFAW) setzte er sich für den Schutz von 18 Hai- und Rochenarten ein. „Das ist uns gelungen“, erläutert der Wahl-Wedeler. 183 Staaten nahmen an der Konferenz teil. 160 Tier- und Pflanzenarten wurden auf die Schutzliste gesetzt. Dazu gehörten Reptilien, Fische und Baumarten. Aber auch Säugetiere wie die Giraffe, deren Bestand in den vergangenen Jahrzehnten um rund 40 Prozent abgenommen habe, sollen besser geschützt werden. Elefanten und Nashörner bleiben im Anhang 1 und sind damit vom Handel ausgeschlossen.

„Haie und Rochen sind in einigen Gebieten um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen“, berichtet Sonntag. „Sie werden weltweit gefangen und vor allem nach Japan, Hongkong und China exportiert.“ Haie und Rochen sind wegen ihrer Flossen in Asien begehrt. Sie dürfen nur noch gefischt werden, wenn ihr Überleben dadurch nicht gefährdet ist. „Es geht nur um das Prestige. Haifischflossensuppe ist ein Statussymbol. Eigentlich sind die Flossen geschmacklos“, erläutert der Meeresbiologe. Laut der Umweltschutzorganisation WWG werden jedes Jahr 100 Millionen Haie gefangen, um ihnen die Flossen abzuhacken. Für Knabber-Chips aus Hai-Knorpel verbrauche allein Costa Rica jeden Monat über 200 000 Haie. „Im Jahr 2000 hieß es noch, es sei Schwachsinn, Haie zu listen, weil man sie nicht unterscheiden könne“, berichtet Sonntag. Zahlreiche Workshops, Schulungen von Fischerei- und Zollbehörden und vor allem viele Diskussionen mit den Befürwortern der Hai-Jagd hätten nun zum Umdenken und zur notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit für die Aufnahme auf die Schutzlisten geführt. Während beispielsweise der Kabeljau Hunderttausende Eier lege, gebären Haie alle zwei Jahre maximal zehn Jungtiere. „Sie fangen aber erst mit zehn, zwölf Jahren an. Viele kommen gar nicht ins fortpflanzungsfähige Alter“, berichtet Sonntag.

Geld für den Naturschutz, laute die Begründung von Ländern wie Simbabwe, Namibia oder Sambia, um den Schutzstatus für Elefanten und Nashörner zu senken. „Die Staaten wurden von Japan und China in ihrem Antrag unterstützt“, erläutert Sonntag. Durch den Verkauf der Elefanten sollte Geld eingenommen werden, um dieses in andere Projekte zu investieren, da die Bestände stabil seien. „Wir sagen: Das reicht nicht. Das Geld würde nicht reichen und die Öffnung des Handels fördert die Wilderei. Das haben wir 2008 schon einmal erlebt“, berichtet der Wedeler. Laut einer Studie der Tierschutzorganisation Pro Wild Life wird ein Kilogramm Elfenbein in afrikanischen Staaten mit 127 US-Dollar (etwa 115 Euro) gehandelt. In China kostete ein Kilo 2100 US-Dollar (etwa 1900 Euro).

Sonntags Forderung: „Der Handel muss aufhören, auch national. China hält sich bereits daran, in Deutschland und Europa gibt es viele Ausnahmen.“ So werde Elfenbein als Inlay für Instrumente, aber auch als Kunst zwischen Museen gehandelt. Die EU genehmigt laut Pro Wild Life nicht nur den Handel mit Elfenbein, das angeblich vor dem Jahr 1990 erworben wurde, sie war in den letzten zehn Jahren auch der bedeutendste Exporteur solcher Stoßzähne und Elfenbeinprodukte nach Asien. Auch in Deutschland darf antikes Elfenbein gehandelt werden. „Wir wollen, dass auch antikes Elfenbein nicht mehr gehandelt wird. Laut Unterlagen ist es alt, aber das stimmt nicht. Natürlich wird da beschissen“, sagt Sonntag. Der Handel habe mafiöse Strukturen. „Diejenigen, die mit Drogen und Waffen handeln, handeln auch mit Elfenbein“, weiß Sonntag aus Erfahrung. Die Southern African Development Community (SADC-Staaten) seien Befürworter des Elfenbeinhandels. Diesem steht laut Sonntag die African Elefant Coalition gegenüber. „Viele sprechen schon von einer Teilung Afrikas in Nord und Süd.“

„Ich merke schon, dass sich das Verständnis für den Schutz von Tieren ändert“, sagt Sonntag. Allerdings sei die Situation, was die Artenvielfalt betrifft, so schlecht wie nie. „Ich sehe es mit gemischten Gefühlen. Die Situation ist so schlecht, dass wir immer mehr Arten schützen müssen, auf der anderen Seite ist es ein Erfolg, wenn wir Tier- und Pflanzenarten auf die Liste bekommen. Für die Haie ist es schon fünf vor zwölf.“ Sein Wunsch wäre, ganze Meeresgebiete unter Schutz zu stellen. Fischerei wäre ebenso verboten wie Tiefseebergbau. „Das Bewusstsein für Arten- und Klimaschutz hat sich gesteigert. Was sich verschlechtert hat, ist die Meeresverschmutzung. Da passiert einiges, aber zu wenig“, bilanziert Sonntag. „Vielen ist nicht bewusst, dass der Strohhalm in ihrem Cocktail mit hoher Wahrscheinlichkeit einmal im Meer landet.“

„Es ist manchmal frustrierend, wenn man sieht, wie wenig Einsicht da ist“, sagt Sonntag. Deutschland müsse seine Rolle in der Welt ausnutzen und sich für Klima- und Umweltschutz einsetzen. „Dafür ist es aber auch wichtig, dass Deutschland an den Punkt kommt, eigene Ziele durch- und umzusetzen.“ Bringen solche Konferenzen denn etwas? „Meiner Meinung nach ist die Artenschutzkonferenz die effektivste Konferenz die es gibt. Verstoßen Staaten gegen die Regelungen, können sie vom gesamten Handel mit Tieren und Pflanzen ausgeschlossen werden. Solche Konferenzen bekommt man heute nicht mehr hin. Heute gibt es keine richtigen Konsequenzen mehr“, sagt Sonntag.

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