Nachbarn diskutieren über Politik

Projekt Debattenkultur: Werner Geest (Vierter von rechts) ist der Initiator der politischen Runde, zu der er regelmäßig in sein Wohnzimmer einlädt.
Projekt Debattenkultur: Werner Geest (Vierter von rechts) ist der Initiator der politischen Runde, zu der er regelmäßig in sein Wohnzimmer einlädt.

Seit fünf Jahren schafft eine Hausgemeinschaft das Besondere: Im kleinen Kreis über komplexe Fragen kontrovers zu debattieren

shz.de von
09. Mai 2018, 16:00 Uhr

Das Haus in der Spitzerdorfstraße ist elf Stockwerke hoch und beherbergt 46 Wohnungen. Und doch ist es kein anonymes Nebeneinanderherleben, das die Bewohner dort führen, sondern ein lebendiges Miteinander. Das liegt auch an der Initiative von Werner Geest. Er hat 2013 zusammen mit seiner Frau für die Hausgemeinschaft einen politischen Zirkel initiiert, der sich auch nach fünf Jahren noch regelmäßig einmal im Monat trifft, um über aktuelle, aber auch grundsätzliche Fragen zu Politik und Gesellschaft zu diskutieren.

„Wir müssen das Politische in die kleinen sozialen Einheiten zurückholen“, erklärt der Wedeler seine Motivation, einen NachDenk-Stammtisch einzurichten. Politik sei im sozialen Nahbereich ausgegrenzt. Selbst in den Familien gebe es regelmäßig Streit, wenn es um aktuelle gesellschaftliche Fragen gehe. Deswegen werde das Thema häufig ausgeklammert. „Das finde ich ganz falsch“, betont Geest. Selbst denken und gemeinsam reflektieren, lautet der Wahlspruch der Gruppe, die es vormacht, den politischen Diskurs im kleinen Kreis zu führen und damit gern ein Beispiel zum Nachahmen geben möchte.

2011 sind die Geests ins Hochhaus gezogen, Anfang 2013 haben sie ihre Idee per Rundbrief in die 45 Briefkästen der Nachbarn geworfen. Acht Mitbewohner haben damals ihr Interesse bekundet. Einige sind in der Zwischenzeit dazugekommen, andere sind weggezogen, oder aus anderen Gründen abgesprungen. Im Prinzip hat sich aber ein sehr stabiler Kreis herausgebildet, der regelmäßig diskutiert. Das erste Thema galt dem Selbstverständnis des kleinen Zirkels, erinnert sich Geest. Aber auch über den Heimatbegriff wurde inzwischen debattiert. Alle hätten da sehr unterschiedliche Vorstellungen gehabt. Das bedingungslose Grundeinkommen stand ebenso auf dem Plan wie zum Beispiel die Frage nach direkter oder repräsentativer Demokratie, nach dem Sinn von Lobbyismus oder nach der Konsequenz von Digitalisierung und Automatisierung für die Arbeitswelt von morgen.

„Wir können uns in einem positiven Sinne streiten, das macht den Charme aus“, erläutert Geest und präzisiert: „Wir können es ertragen, unterschiedlicher Meinung zu sein.“ Zweieinhalb bis drei Stunden dauert der Abend, je nachdem, wie hitzig die Diskussion verläuft. Geests laden stets in ihre Wohnung ein. Damit sich alle wohlfühlen, stehen Getränke und Knabbereien bereit. Und damit das Ganze auch einen Rahmen bekommt, gibt Geest nicht nur den Moderator, er fasst später die Debatte auch noch einmal schriftlich für alle zusammen. „Meine Moderatorenrolle muss ich noch ein bisschen üben“, sagt er selbstkritisch. Das sehen die anderen elf Mitstreiter, die diesmal zum Treffen zusammengekommen sind, nicht so. Sie sind Geest für sein Engagement sehr dankbar.

Zum Schluss des Abends wird jeweils das Thema des nächsten NachDenk-Stammtischs gemeinsam festgelegt. Es kann aber auch sein, dass die Tagespolitik dazwischenfunkt und ein aktuelles Thema auf die Tagesordnung setzt. Generell versuchten sie, stets tiefer zu gehen, über das Tagesaktuelle auf eine grundsätzliche Ebene zu kommen: „Es geht dabei nicht um Expertenwissen“, stellt Geest klar. „Der Disput wird auf Grundlage unseres Alterswissens geführt.“

„Sich selbst aufklären“, lautet für Mitstreiter Horst Weitendorf die Devise. „Dabei hilft uns eine gewisse Lebenserfahrung“, unterstützt ihn Ivone Stankoff-Geest. Von Vorteil sei da sicherlich, dass viele aus der Gruppe lange im Ausland gearbeitet haben. Die Teilnehmer des politischen Zirkels waren als Entwicklungshelfer und in Gesundheitsprojekten in Südamerika beschäftigt, als Pastor in Tansania engagiert oder für die Bundesregierung in Westafrika und Bangladesch aktiv. Nicht nur die nach Wedel Zurückgekehrten, alle Bewohner der 46 Eigentumswohnungen fühlten sich im Haus sehr wohl. Die Nachbarschaftshilfe sei großartig. „Man lebt nicht allein. Es besteht ein großer Zusammenhalt“, betont Dagny Henning. Es gebe keinen Klatsch und Tratsch. „Das empfinde ich als sehr angenehm.“ „Bisher haben wir im Verborgenen geblüht“, so Geest zum Thema politischer Zirkel. Wegen drängender Themen wollten sie jetzt aber gern Anregung für andere sein.

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