Musiker stellen alles auf den Kopf

Auf der Bühne in der Haseldorfer Festivalscheune ging es turbulent zu: Die Künstler zeigten vollen Körpereinsatz.
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Auf der Bühne in der Haseldorfer Festivalscheune ging es turbulent zu: Die Künstler zeigten vollen Körpereinsatz.

Bläser-Ensemble Canadian Brass verzückt in Haseldorf mit Musikalität und Showtalent / Zweites SHMF-Konzert ausverkauft

shz.de von
19. Juli 2018, 16:00 Uhr

Was war das? Die fünf Herren von Canadian Brass stellten alles auf den Kopf – sogar sich selbst. Das Bläser-Ensemble rund um den Tubisten Chuck Daellenbach spielte am Dienstagabend anlässlich des Schleswig-Holstein Musik Festivals im Haseldorfer Rinderstall und eroberte das Publikum im Sturm. Mit Schalk im Nacken, Charme in den Augen und Freude am Spielen präsentierten Trompeter Caleb Hudson und Chris Coletti, Hornist Jeff Nelsen, Posaunist Achilles Liarmakopoulos und Daellenbach einen Melodien-Mix im ausverkauften Haus, den es in dieser Zusammenstellung wohl eher selten in einem Konzert zu hören gibt. Die Bläser wechselten problemlos von Schumann zu den Beatles und von Mozarts Zauberflöte zu Leonard Bernsteins West Side Story. Dabei machten sie unmissverständlich klar, dass große Musik nicht an spezielle Instrumente gebunden ist.

Canadian Brass besteht seit fast 50 Jahren. Dem langlebigen Ensemble, das 1970 von den Freunden Gene Watts und Chuck Daellenbach in Toronto gegründet wurde, ist es mit zu verdanken, dass Blechbläser-Formationen mehr als Freilichtauftritte und Bigband-Bearbeitungen zugetraut werden. Denn die Musiker von Canadian Brass spielten schon damals ausdrucksstark über alle Musikstile hinweg – eine Pionierleistung in Zeiten, in denen weder Konzertmanager noch Künstleragenten mit dem Begriff Crossover etwas anfangen konnten.

Die Lust, alle Möglichkeiten einer reinen Blechbläser-Formation zu erkunden, ist das Markenzeichen der Gruppe geblieben. Ihr Können bringt sie in die Konzerthäuser der Welt: Canadian Brass war das erste westliche Bläser-Ensemble, das in die Volksrepublik China eingeladen wurde. Backstage wird auch das besondere Marketingtalent von Daellenbach als Erfolgsmotor angeführt. Dem Tubisten wird nachgesagt, ein untrügliches Gespür für Trends und Zuschauervorlieben zu haben.

Und ein Talent zur Moderation hat er auch: Charmant und lustig führte Daellenbach in deutscher Sprache durch das Programm und kündigte zum Schluss die Eigenkomposition „Tribute to the Ballet“ an. „Zusätzlich zur Musik zeigen wir jetzt auch unser tänzerisches Talent“, sagte er. Dann ging es los. Schreiend komisch, mit viel Selbstironie und herrlichen Slapstick-Darbietungen, zeigten die fünf Herren anschaulich, dass Spitzenmusik und Humor wunderbar zusammenpassen.

Das sah auch Konzertbesucherin Martina Dietzsch so. Sie war besonders begeistert von der lockeren Präsentation: „Die Musiker nehmen sich nicht so bierernst und dadurch sind sie richtig gut.“ Auch Hannah Ohlhorst-Koch konnte sich dem Charme der Formation nicht entziehen: „Es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Sie sind mit Leidenschaft dabei. Und unterhaltsam sind sie außerdem.“

Das Publikum wollte mehr, klatschte und blieb. Die Botschaft kam an: Canadian Brass gab zwei Zugaben. Danach verließen die Zuhörer gut gelaunt den Rinderstall.

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