Mit der Garnrolle in den Teilchenzoo

Im Möller-Technicon ist ein Miniatur-Gesamtmodell der Helios-Sonnensonden zu besichtigen.
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Im Möller-Technicon ist ein Miniatur-Gesamtmodell der Helios-Sonnensonden zu besichtigen.

Weltraumtechnik Made in Wedel: AEG-Labore lieferten Solarpanels für die Helios-Sonnensonden

shz.de von
13. Februar 2018, 16:00 Uhr

Als früherer Planungsingenieur für Weltraumtechnik erinnert sich Jürgen Hupe noch ganz genau an das Projekt seines Lebens. Hupe traf sich jetzt im Möller-Technicon mit seinen einstigen Mitstreitern Bernd Kühl, Hellmut Metz und Heinz Gläser. Was die Männer vereint? Sie alle machten sich ans Werk, als die frühere AEG-Niederlassung in der Wedeler Industriestraße Anfang der 1970er Jahre den Auftrag erhielt, solarbetriebene Panels zur Sicherstellung der Energieversorgung der Sonnensonden Helios A und B zu fertigen.

„Das 465 Millionen Mark teure Helios-Projekt war das bis dato größte Vorhaben der Weltraumforschung in Deutschland und ein Gemeinschaftsprojekt zwischen der Bundesrepublik und den USA. Helios war zugleich auch das erste transatlantische Raumfahrtprojekt mit komplexen Managementstrukturen, welche auch für die AEG-Telefunken absolutes Neuland waren. Die Sonden, die wir auf Grund ihrer Optik gerne auch als Garnrollen bezeichneten, dienten der Erforschung der Sonne und hatten insgesamt zehn Arbeitsaufträge“, sagt Hupe. Und der Ingenieur fährt fort: „Zusammenfassend bestand ihre Aufgabe darin, die solaren Winde, interplanetaren Magnetfelder, die galaktisch-kosmischen Strahlungen sowie den interplanetaren Staub zu untersuchen.“

Hupe nimmt eine Solarzelle aus der damaligen Produktion in die Hand, dazu ein Substrat, das für den Rücklauf des generierten Stroms benötigt wurde. „Um die Zellen mit den Substraten zu verbinden, bedurfte es eines Spezialklebers. Für eine einzige Tube davon hätte man auch schon einen brandneuen VW-Käfer bekommen“, sagt der gelernte Flugzeugbauer und vergisst dabei auch nicht von seinem Glück zu berichten, im Rahmen weiterer Vorbereitungsarbeiten persönlich im Kennedy Space Center (KSC) in Cape Caneveral (Florida) vorstellig gewesen zu sein.

Eine besondere Schwierigkeit, der bei der Herstellung der in Wedel gefertigten Panels alle Aufmerksamkeit galt, war die Belastbarkeit bei großen Temperaturunterschieden. Schließlich sollten sie „nur“ 43,45 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt bei Temperaturzyklen zwischen -100 und +170 Grad Celsius eine für die Mission noch ausreichende Leistung liefern.

Insgesamt war jede der beiden etwa 370 Kilogramm schweren, bis zu 2,70 Meter breiten und 4,23 Meter hohen Sonden nach Fertigstellung mit 32 Panels aus der Rolandstadt ausgestattet und trug damit 14 080 Solarzellen – 440 pro Stück. Rund vier bis sechs Jahre nach Auftragseingang war es dann soweit: Am 10. Dezember 1974 wurde zunächst Helios A, und am 15. Januar 1976 auch Helios B mittels Trägerrakete Titan III Centaur ins Weltall geschossen. Nicht nur in Wedel wartete man mit Spannung darauf, ob das Projekt erfolgreich verlaufen würde und die Sonden die gewünschten Informationen liefern.

Um es vorweg zu nehmen: Es wurde ein Riesenerfolg. Die Systeme funktionierten. Die für heutige Verhältnisse mit gerade einmal „lächerlich wenigen“ 500 Kilobyte Speichervolumen ausgestatteten, per Hand mit Draht verflochtenen stählernen Magnetkernspeicher übertrugen fortan mitten aus dem sie umgebenden „Teilchenzoo“ über eine Distanz von etlichen Millionen Kilometern in Richtung Erde.

„Die Experimente lieferten eine Unmenge von Messergebnissen, deren Auswertung die Wissenschaftler jahrelang beschäftigte. Die neugewonnenen Erkenntnisse, eine Art Zustandsbeschreibung des inneren Bereichs unseres Sonnensystems, füllen ganze Lehrbücher“, erklärt Hupe. Noch heute sind die Kollegen stolz darauf, über welch langen Zeitraum die Helios-Sonden am Ende ihren Dienst verrichten sollten. „Helios A und B haben ihre spezifizierte Missionsdauer von 18 Monaten weit überschritten. Während Helios A am Ende ganze elf Jahre arbeitete, schaffte es Helios B auf immer noch respektable fünf Jahre“, so der Fachmann. Er rät zusammen mit Technicon-Mitarbeiter Gläser jedem dazu, sich so ein Panel einmal im Rahmen der Ausstellung im Möller-Technicon anzusehen.

„Die komplette Helios-Sonde – unser gefertigtes Test-Modell – ist ansonsten auch von Zeit zu Zeit im Deutschen Museum in München zu besichtigen“, verrät der Ingenieur, der keinen Hehl daraus macht, dass der Helios-Auftrag im Laufe der Jahre zu vielen Folgeaufträgen für die AEG in Sachen Raumfahrt im Bereich der Satelliten-Technik führte. Wenngleich auch längst kein Funkkontakt mehr bestünde, kreisen die beiden Helios-Sonden auch heute noch in ihrer Umlaufbahn der Sonne entgegen. Bis sie schließlich irgendwann verglühen.

Mittlerweile steckt die NASA längst in den Planungen für eine neue Sonde. Noch in diesem Jahr – am 31. Juli, so der Plan – soll sich „Parker Solar Probe“ auf bis zu sechs Millionen Kilometer dem Zentrum unseres Sonnensystems nähern – und damit den bisherigen Helios-Rekord einstellen. Ein Projekt, das sicherlich auch von den früheren AEG-Ingenieuren mit Spannung verfolgt werden dürfte.

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