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Wedel-Schulauer Tageblatt

19. August 2017 | 10:07 Uhr

Metaphorischer Rasierklingen-Ritt

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Das Ensemble der Uetersener Hagebuttenbühne brilliert bei der Komödien-Premiere „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“

Erikas (Susi Braun) nicht enden wollende Tirade für Barmherzigkeit und gegen Zynismus scheint die lang erwartete Stimme der Moral zu sein. Von Braun atemlos und leidenschaftlich vorgetragen rückt das Plädoyer als finaler Triumphzug guter Gesinnung das Stück ins rechte Licht. Eine Spendengala für eine Schule in Guinea-Bissau: tugendhaft. Denkste! „Am Ende ist mir fast die Wut ausgegangen“, sagt Erika lapidar, für deren Ausbruch Braun mit ihrer Energieleistung vom Publikum einen Sonderapplaus ergattert – es war doch nur wieder alles inszeniert und kalkuliert. Oder doch nicht?


Großer Auftritt und Betroffenheitsweinen


Bei der Premierenvorstellung von „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ ist dem Ensemble der Uetersener Hagebuttenbühne in der Grundschule Heist der Ritt auf der metaphorischen Rasierklinge gelungen. Durch das Gleichgewicht von weitherzigem Sein und eitlem Schein haben die Mimen den drohenden Fliehkräften der Komödie von Ingrid Lausund standgehalten und deren raffinierte Doppelbödigkeit gekonnt entfaltet.

Eine Wohltätigkeitsveranstaltung mit ausgefeiltem Programm soll zur Spendenakquise für eine afrikanische Schule geprobt werden. Eva (Sandra Faulhaber) wittert an jeder Ecke Würdeverletzungen in Gedanken. Leo (Marnie Rühmkorf) will der Show eigentlich nur Action verleihen. Christine (Susanne Reichel) probt für ihren großen Auftritt das eigene Betroffenheitsweinen. Rainer (Oliver Rühmkorf) mangelt es an Ernsthaftigkeit und stapft von einem Fettnäpfchen ins nächste und Erika stilisiert als verkörperte Tugend schon mal ein Stück Pappe zu Elendsreliquie.

Im Visier sind politische Korrektheit, Eitelkeiten und künstliches Pathos. Überall lauern Brüche der Gutmenschen. Mancher Moment wird dabei schwer erträglich. Und doch schimmert durch, dass nicht alles Haschen nach Wind ist. Braun gibt ihre betuliche „Bibeltante“ mit penetranter Gutherzigkeit. Faulhaber glänzt: pikiert. Eine weltbühnenreife Standpauke hält Marnie Rühmkorf. Reichel steuert elitären Touch bei und Oliver Rühmkorf entlockt der Unbeholfenheit Humor, ohne sie zu vertrotteln. Am Ende wartet tatsächlich eine Spendenbox aufs Publikum – für eine Schule in Guinea-Bissau und ganz ohne Hintersinn.



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