Männerfreundschaft auf der Probe

Auch Senecas Glücksversprechen findet seinen Weg in den Disput von Ulf Krückel (links, Yvan) und Thomas Lagerpusch (Marc).
Auch Senecas Glücksversprechen findet seinen Weg in den Disput von Ulf Krückel (links, Yvan) und Thomas Lagerpusch (Marc).

Am Freitag, 17. August, feiert Yasmina Rezas Stück „Kunst“ auf der Batavia Premiere / Neue Kommunikation und alte Verhaltensmuster

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11. August 2018, 16:00 Uhr

Das Bild kostet 100 000 Euro, und drauf zu sehen ist: monochromes Weiß. Ist das nun Kunst? In Yasmina Rezas gleichnamigem Theaterstück kommt es eigentlich gar nicht auf diese Frage an, erläutert Regisseurin Angelika Strub. Auch wenn die drei Freunde Serge (Lorenz Schmidt), Marc (Thomas Lagerpusch) und Yvan (Ulf Krückel) darüber trefflich streiten können. „Letztendlich geht es um Freundschaft und Männerbeziehungen“, sagt Strub. Und Lagerpusch fügt an: „Das Bild hat Ventilwirkung. Es lässt die Unzufriedenheit der Freunde frei.“

Kommenden Freitag, 17. August, feiert „Kunst“ auf dem Theaterschiff Premiere. Die Proben laufen auf Hochtouren. Spiellust und die kontinuierliche Steigerung der Spannung, die sich einstellt, wenn eine Inszenierung anfängt, rund zu laufen, ist bei den Aktiven deutlich spürbar. „Ich finde das Stück unglaublich toll geschrieben“, schwärmt Regisseurin Strub. Rezas dritte Komödie, die wegen ihrer erzählerischen Leichtigkeit in Zusammenhang mit beeindruckender dramaturgischer Finesse längst zum modernen Klassiker avanciert ist, gelangte eher durch Zufall auf den Spielplan der Batavia. Stücke werden dort gemeinsam ausgewählt. Zudem geben Besetzungsmöglichkeiten und die Lust der Darsteller auf eine Rolle Kriterien für die Auswahl vor. „Im Moment ist es allerdings auch schwierig, die Rechte für neue gute Stücke zu bekommen“, schränkt Strub ein. „Kunst“ war zum Glück frei. Das heißt, dass kein anderes großes oder kleines Theater in der Umgebung das Schauspiel aufführen will.

Es geht in „Kunst“ also nicht um Kunst. Das Bild sei lediglich eine Metapher, erläutert die Crew. Serge könnte sich ebenso ein teures Auto oder ein Rennpferd angeschafft haben. Es geht darum, dass der Freund ausschert, dass er sich jetzt in Gefilden bewegt, wohin er die anderen nicht mitnimmt. Das leitet Verlustängste ein. Ganz konkrete, den Freund zu verlieren, aber auch beziehungstechnische Verlustängste, das Gerüst der Freundschaft betreffend. Marc beispielsweise bangt um die Bewunderung, die ihm Serge stets entgegengebracht hat. Missverständnisse und Verletzungen sind die Folge. „Das hat einen gewissen Irrsinn“, sagt Lagerpusch. „Ist aber sehr unterhaltend und kurzweilig“, stellt Strub klar und lacht.

Die französische Erfolgsautorin Reza gilt als Königin der Dialoge. Nicht nur von der Sprache her sei das Stück interessant, sagt die Regisseurin. Auch die Übersetzung sei hervorragend ausgefeilt. Kommunikation spielt für die Auseinandersetzung eine große Rolle. „Männer sprechen oft gerade nicht über das, was sie eigentlich sagen wollen“, analysiert Strub. Und Lagerpusch hakt ein: „Das ist sehr real, das kann ich als Mann bestätigen.“ Ein Männergespräch laufe häufig über gleiche Interessen. Darüber würden sich die Bälle zugeschmissen. Aber in die Tiefe gehe es nicht. „Auf einmal finden sie Worte für ihre Emotionen“, stellt der Darsteller des Marc die Wende im Theaterstück heraus. „Aber erst einmal zerfleischen sie sich“, insistiert Strub.

Schnelle Dialogwechsel, ständige Wiederholungen und Sätze, die nicht immer sinnvoll sind: Für Lagerpusch ist diesmal das Zusammenspiel die Herausforderung. Der Text, findet der Darsteller, sei schwieriger in den Kopf zu bekommen als beispielsweise die gebundene Sprache eines Urfaust.

Das Stück endet schließlich zwar versöhnlich, aber nicht im Kitsch. „Sie klären’s nicht, aber es geht gut aus“, bringt Strub den Plot auf den Punkt. Die Kunst der Diplomatie in Beziehungen finde Anwendung: Jeder gehe ein Stück zurück, damit jeder der Drei wieder seinen gleichberechtigten Raum habe. Konkret heißt das: Serge, Marc und Yvan fallen in ihre alten Verhaltensmuster zurück.

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