zur Navigation springen
Wedel-Schulauer Tageblatt

21. Oktober 2017 | 00:09 Uhr

Wedel : Live-Ticker von der „Stunde Null“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Wedeler Geschichtswerkstatt und Stadtarchiv begleitet die letzten Kriegstage vor 70 Jahren mit täglichen Berichten im Internet.

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2015 | 15:00 Uhr

Wedel | Deutschland im April 1945. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, doch das Dritte Reich schlägt in Todeskampf weiter um sich. Kapitulation steht für die Führung in Berlin nicht zur Debatte. Das A-Squadron der 11. Husaren der britischen Armee kämpft sich an der Westfront durch Norddeutschland. Der Weg wird die Einheit schließlich nach Wedel führen. Dort warten die Einwohner auf das Ende des Krieges. Auf die ersehnte Befreiung oder den Zusammenbruch der eigenen Allmachtsfantasien.

Eine wilde, eine chaotische Zeit. Im Wedeler Rathaus bemühen sich zwei Geschichts-Experten nun um eine zeitgemäße Aufarbeitung der Vergangenheit. Seit dem 1. April betreiben Archivarin Anke Rannegger und Arno Schöppe von der Geschichtswerkstatt einen „Live-Ticker“ auf der Website der Stadt Wedel. Jeden Tag können Besucher dort nachvollziehen, was genau vor 70 Jahren in Wedel und beim britischen A-Squadron geschah.

„Das so genannte ‚War Diary‘ – das Kriegstagebuch – der britischen Einheit ist im Internet verfügbar“, sagt Rannegger. Für die Geschehnisse vor Ort durchforschten sie und Schöppe die Archivbestände und sprachen mit Zeitzeugen. Das Kriegsende ist mittlerweile aber so lange her, dass viele Zeitzeugen damals noch Kinder waren. Entsprechend widersprüchlich sind viele Aussagen. In den Akten finden sich Schilderungen von dramatischen Ereignissen. So wurde die Wedelerin Marie Köhler wegen „Veruntreuung von Volkseigentum“ zum Tode verurteilt. Die 50-Jährige war dabei beobachtet worden, wie sie das Pelzfutter eines Mantels bei einer Kleidersammlung auslöst, um es in den eigenen Mantel einzunähen. Ein Gnadengesuch hat Erfolg. Köhlers Strafe wird in acht Jahre Gefängnis umgewandelt. Obwohl die Briten die Elbe südlich von Hamburg überqueren und zunächst im Osten der Metropole vorbeiziehen, bleibt auch die Rolandstadt nicht von Feindbeschuss verschont. Artilleriefeuer über die Elbe und Tieffliegerangriffe fordern Todesopfer. Der Zimmermann Hans Georg Springhorn erliegt am 26. April „Multiplen Granatsplitterverletzungen mit Zertrümmerung des rechten Ellenbogengelenks, Lungensteckschuss und ausgedehnten Verbrennungen dritten Grades.“ So nüchtern erzählen es die Akten.

Während die Wedeler in ihrer Stadt auf das Ende warten, herrschten in Norddeutschland Chaos und viel Bewegung. Flüchtlinge aus den Ostprovinzen und von Helgoland werden in Wedel einquartiert. Am 19. April überquert ein Zug aus tausenden russischen Kriegsgefangenen die Elbe. Sie kommen vermutlich aus dem KZ Neuengamme und werden in Richtung Elmshorn getrieben. Am Ende bleibt den Wedelern der verbissene Kampf um jedes Haus erspart. Am 3. Mai 1945 übergibt der Hamburger Reichsstatthalter Karl Kaufmann die Hansestadt kampflos an die Allierten. Einen Tag später nehmen die Briten auch Wedel ohne Widerstand ein. Für die Menschen der Rolandstadt hat die Zukunft begonnen. Anke Rannegger und Arno Schöppe tickern noch bis Ende Mai auf der Website der Stadt.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen