Wedel : „Lessing ist ein moderner Autor“

Sie bringen die Verse aus dem 18. Jahrhundert auf die moderne Bühne: Sittah (von links, Doris Jankowski), Sultan Saladin (Gerhard Seel), Nathan (Marko Lohmann) und Recha (Ann-Marie Speer).
Sie bringen die Verse aus dem 18. Jahrhundert auf die moderne Bühne: Sittah (von links, Doris Jankowski), Sultan Saladin (Gerhard Seel), Nathan (Marko Lohmann) und Recha (Ann-Marie Speer).

Theater Wedel inszeniert „Nathan der Weise.“ Premiere am 20. Juni. Regisseur begeistert von starken Frauenfiguren.

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13. Juni 2015, 16:00 Uhr

Einmal im Jahr ein Klassiker. Nach „Was ihr wollt“ und „Bieberpelz“ steht im Theater Wedel als letzte Produktion dieser Spielzeit das deutsche Aufklärungsstück schlechthin auf dem Programm. Theaterleiter Günter Hagemann und sein Ensemble haben sich Lessings „Nathan der Weise“ vorgenommen. Am Sonnabend, 20. Juni, hebt sich der Premierenvorhang. Beginn ist um 20 Uhr.

Toleranz, Vernunft, Religions- und Gedankenfreiheit – als sie Anfang des Jahres ein Stück suchten, ging es mit Pegida los, erzählt Hagemann. Da lag der „Nathan“ in der Luft: „Lessing ist ein ungeheuer moderner Autor“, begeistert sich der Regisseur. Denn das dramatische Gedicht von 1779 verhandelt nicht nur das Thema Toleranz, dem hier mit klarem Verstand und gleichzeitig unbedingter Menschenliebe zu Leibe gerückt wird und das in der berühmten Ringparabel seinen Höhepunkt erreicht. Es ist weit mehr. Hagemann: „Da ist so viel drin, was man diskutieren kann.“ Lessing denke beispielsweise auch die Emanzipation der Frau an. Drei große, vielschichtige Frauenrollen hat der Aufklärer entworfen. Viel mehr als üblich in der Klassik. „Sittah, die Schwester von Sultan Saladin, hat am Hof die Hosen an. Recha, Nathans Tochter, wird im Text erwachsen.“ Später beherrscht sie das Philosophieren. „Hier dürfen Frauen eine Meinung haben“, schwärmt der Theaterleiter.

Aber nicht nur beim Regisseur wuchs mit der Arbeit am Stück die Begeisterung für die manchmal als papieren gescholtene Schullektüre. „Die Geschichte ist nicht so spannend“, gibt Hagemann unumwunden zu. Auch Sittah-Darstellerin Doris Jankowski ist euphorisiert. Welche Überlegungen darin steckten, was man da herausholen könne: „Guckt es euch zwei Mal an“, rät sie den Zuschauern. Sie jedenfalls sei „geplättet“ von dem Stoff, der im Übrigen nicht nur etwas für den Kopf sei, sondern auch anrühre.

Und Jankowski ist hingerissen von ihrem Regisseur. Hagemann sprühe vor Ideen, gebe seinen Schauspielern viele wertvolle Anstöße, lobt sie. Hagemann lacht. Inszenieren sei gemeinsames Erarbeiten, erklärt er bescheiden. Dem pädagogischen Sendungsbewusstsein des Klassikers setzt die Truppe Humor entgegen. „Wir versuchen aus dem „Nathan“ die komische Seite herauszuholen“, erklärt er. Da helfe Zuspitzung. Der starken Sittha und dem überlegenen Nathan gegenüber sei Saladin doch eigentlich so etwas wie ein Depp, bekennt der Regisseur freimütig.

Die sperrige Sprache Lessings, durchaus kritikwürdig, nimmt das Ensemble sportlich – als Training. „Schiller ist flüssiger“, weiß Hagemann. Aber: Lessing ist präzise. „Herausarbeiten“ heißt auch hier der lustvolle Ansatz der Theatercrew. Nach der Premiere spielt das Theater Wedel den „Nathan“ an den darauf folgenden zwei Wochenenden noch insgesamt vier mal vor der Sommerpause. In der nächsten Spielzeit steht eine Wiederaufnahme an.

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