Technicon : Kunstherz made in Wedel

Herbert Pfaffenberger als junger Mann bei der Arbeit an der künstlichen Herzpumpe.
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Herbert Pfaffenberger als junger Mann bei der Arbeit an der künstlichen Herzpumpe.

Drei AEG-ler entwickeln in den 1960er Jahren neuartiges Implantat und testeten dies in Tierversuchen.

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06. Februar 2018, 13:00 Uhr

Wedel | Herbert Pfaffenberger packt seine mitgebrachten Schätze auf den Tisch im Möller-Technicon. Fotos in allen Größen, die älteren noch in schwarz-weiß, einige schon etwas vergilbt. Allesamt Erinnerungen an die Jahre bei AEG. Rechts und links von ihm sitzen zwei weitere ehemalige AEG-ler, Hellmut Metz und Rudolf Behnke, und starren fasziniert auf die Bilder – und auf einen eher unscheinbaren Gegenstand mittendrin: ein künstliches Herz, alabasterfarben. Es hat einmal ein Kalb 120 Tage lang am Leben gehalten und damit medizinische Geschichte gemacht.

Das Kalb fristete seine Zeit in einem Labor in Berlin. In Wedel aber entstand das System, welches die künstliche Herzpumpe antrieb. Die drei Ruheständler waren Pioniere, die es entwickelt haben. Und so beäugen sie denn fast liebevoll das Ding auf dem Tisch, erstmals angedacht in den 1960er Jahren, in einer Zeit, als so etwas noch analog aufgezeichnet werden musste, mit echten Herzen als Modell. „Die Kurve der Pumpe so hinzukriegen, dass sie zum steilen Anstieg aus dem Herzen passt, das war unglaublich schwierig“, erinnern sie sich. Pfaffenberger war damit bereits in Hamburg befasst, ehe die AEG ihr Werk in Wedel eröffnete.

Außer der richtigen Form musste das richtige Material gefunden werden. Für manche Blutleitungen erwiesen sich schließlich ganz reguläre Fahrradschläuche es praktikables Material. Große Mengen Tierblut waren bereits notwendig, um die Geräte in der Werkstatt auf den Prüfstand zu stellen. Die Tierversuche selbst fanden in Berlin statt. Ihr Spiritus Rector war Professor Emil Sebastian Bücherl, ein von ehrgeizigem Forschungsdrang Getriebener. Er hatte als erster Arzt in Deutschland an offenen Herzen operiert, aber er fieberte dem Ziel entgegen, verbrauchte Herzen durch Maschinen zu ersetzen, einsetzbare Geräte, die die Arbeit der natürlichen Blutpumpe auf unbefristete Dauer übernehmen konnten.

Die drei Wedeler AEG-Mitarbeiter waren oft in Berlin, um den Fortschritt der Versuche mitzuerleben. Untergebracht waren die Versuchstiere in einem Keller, dem „Bunker“, wie der Raum beim Team hieß. Der Gestank dort sei unerträglich gewesen, erinnert sich Behnke. Jetzt sitzen die Drei im angenehm durchlüfteten Möller Technicon und beugen sich über Fotos von aufgeschlitzten Kälbern, Hunden und Schweinen.


Kälber überlebten anfangs nur kurz

Da ist wieder das Kalb, dem sie den Namen Alfredo gegeben hatten. Als es 100 Tage mit dem künstlichen Herzen hinter sich hatte, wurde gefeiert. Das Kalb selbst kriegte von dem Fest wohl weniger mit. Es musste unentwegt auf seinem Laufband marschieren, bis sein Kunstherz ausgedient hatte. Kälber waren besonders gut geeignet für die Versuche und zudem reichlich verfügbar. Die Domäne Dahlem, heute ein Freilandmuseum, damals noch ein landwirtschaftlicher Betrieb in West-Berlin, sorgte für Nachschub. Die ersten Kälber überlebten den Einbau des künstlichen Herzens schließlich nur um Stunden.

Die AEG-Männer waren mit Feuereifer bei der Sache. Bis zu 50 Stunden habe er ununterbrochen Messgeräte überwacht, erinnert sich Pfaffenberger. Eine besonders schwierige Herausforderung sei es gewesen, einen brauchbaren und zugleich mobilen Antrieb für die Kunstherzen zu entwickeln. So gab es Versuche mit Hydraulik und sogar Plutonium wurde als raumsparende Energiequelle in Betracht gezogen. Denn die ersten Antriebsgeräte aus Wedel waren riesige, schwere Schränke. „Da kommen die Maschinenmänner“, wurden die Wedeler begrüßt, wenn sie in Berlin eintrafen.

Lange trieb der optimistische Fortschrittsglaube an die Machbarkeit des Denkbaren das Projekt voran. Dann verebbten die öffentlichen Zuschüsse. Die AEG sollte auf einmal die Hälfte der Kosten übernehmen. Das brachte die Zulieferarbeit der Wedeler schließlich zum Erliegen. Und heute? Der euphorische Glaube an dauerhafte Kunstherzen ist einer realistischeren Einschätzung gewichen, berichten die drei Ex-AEGler. Die künstlichen Pumpen überbrücken jetzt die Zeit, bis Spenderherzen gefunden sind.

Und die vielen Tierversuche? Soll man die wirklich in einer Industriesammlung wie dem Möller-Technicon öffentlich darstellen? So sehr sich das Gefühl sträuben mag: Ja, denn sie sind unsere Geschichte, gehören zum Humus, auf dem unsere Gegenwart gewachsen ist. Ohne die Möglichkeit, sich mit diesen Aspekten gesellschaftlicher Vergangenheit auseinanderzusetzen, kann es kein besseres Heute und kein besseres Morgen geben.

Das Technicon stellt seine industrie- und technikgeschichtliche Sammlung in fünf Räumen der Möller-Werke im Rosengarten 10 aus. Es ist jeden ersten Samstag im Monat von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Informationen gibt es im Stadtmuseum unter Telefon (04103) 13202.
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