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Das Sonntagsgespräch : „Kunst und Religion besitzen eine strukturelle Nähe“

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Heute mit Dr. Jürgen Doppelstein von der Ernst-Barlach-Gesellschaft.

Wedel | Dr. Jürgen Doppelstein ist Vorstandsvorsitzender der Ernst-Barlach-Gesellschaft, die das Werk des Künstlers Ernst Barlach international zeigt und für die Museen in Wedel und Ratzeburg zuständig ist. Im Sonntagsgespräch erklärt Jürgen Doppelstein unter anderem, warum die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur so wichtig ist.

Herr Dr. Jürgen Doppelstein - was fasziniert Sie an der Person und dem Künstler Ernst Barlach?
Ernst Barlach war ein Universalkünstler. Er nahm die Impulse seiner Zeit auf und setzte sie kreativ um – gedanklich, philosophisch, literarisch, bildkünstlerisch. Er ließ zudem nichts unkommentiert. Seine Tagebücher, Briefe und persönlichen Aufzeichnungen sowie die intensive Auseinandersetzung mit seiner eigenen Kunst belegen, wie sehr er sein gesellschaftliches Umfeld reflektierte und immer offen für Neues war.

Wie sieht die Arbeit der Ernst-Barlach-Gesellschaft aus?
Wir versuchen, Ernst Barlach in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen und den Menschen näher zu bringen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Derzeit zeigt das Ernst-Barlach-Museum zwar eine Ausstellung über John Lennon. Das bedeutet aber nicht, dass Barlach in den Depots verschwindet. Venedig, Zagreb, Malaga, Teheran, Ankara, Istanbul – wir zeigen seine Werke international und auch in außereuropäischen Ländern. Es wird der Bedeutung seiner Kunst nicht gerecht, dass er lange Zeit ausschließlich in Norddeutschland überpräsent, in anderen Ländern dagegen nur selten zu sehen war. Ernst Barlach gehört in die Welt und nicht nur nach Norddeutschland, obwohl er hier einen Großteil seines Lebens verbracht hat.

Was ist Ihre Motivation, sich für die Ernst-Barlach-Gesellschaft zu engagieren?
Ich habe eine spannende und herausfordernde Tätigkeit, aber auch eine große Verantwortung. Die Vorbereitung von nationalen und internationalen Ausstellungen und die Arbeit in den zwei wunderschönen Museen in Wedel und Ratzeburg erfüllen mich mit Glück und Zufriedenheit.

Derzeit ist in Wedel eine Ausstellung über John Lennon zu sehen. Wie passt die ins Ernst-Barlach-Museum?
Unabhängig davon, dass John Lennon ein faszinierender Mensch war, gibt es durchaus Parallelen zu Ernst Barlach. Beide hatten einen visionären und utopischen Ansatz. Sie haben sich für eine Veränderung der Welt eingesetzt und waren höchst kritisch gegenüber den Auswüchsen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und wandten sich aktiv gegen die Neid- und Gier-Gesellschaft. Barlach sprach von einer „besitztollen“ Gesellschaft, Lennon sang von einer Welt, in der es nicht um Besitz, Eigentum, Staaten und Religionen geht, sondern um Menschen, die friedlich und harmonisch zusammen leben wollen. Der eine starb vor 75, der andere vor 35 Jahren, doch Barlachs und Lennons Aussagen sind heute aktueller denn je.

Die Ernst-Barlach-Gesellschaft will mit dem Projekt „Go Young“ gezielt junge Menschen ansprechen. Wieso?
Go Young wendet sich an junge Menschen, die wir explizit an die Arbeit in einem Museum und in die Vorbereitung von Ausstellungen heranführen wollen. In mehrwöchigen Kursen bilden wir so junge Menschen zu Kultur- und Museumsbotschaftern aus. Mit der museumspädagogischen Initiative, „Kultur macht stark“, die vom Bund gefördert wird, wollen wir demonstrieren, dass Museen keine heiligen Hallen, keine Elfenbeintürme, sondern offene Häuser sind, die sich in der Mitte der Gesellschaft befinden. Es ist aus meiner Sicht enorm wichtig, dass sich junge Menschen mit Kunst und Kultur auseinandersetzen. Nur so lernen sie historisches und kritisches Denken.

Dr. Jürgen Doppelstein (63) arbeitet seit 1987 für die Ernst-Barlach-Gesellschaft und hat zwei erwachsene Kinder.

Was bedeutet Ihnen Kunst persönlich?
Kunst und Kultur sind mein Leben. Seit 35 Jahren beschäftige ich mich als Kurator mit Kunst und Kultur in Museen und Ausstellungen. Das ist das, was ich kann und das, was mein Leben mit Glück erfüllt.

Die Ernst Barlach Gesellschaft organisiert auch Ausstellungen in Kirchen und hat sich die Verbindung von Kunst und Religion auf die Fahnen geschrieben. Gehört beides zusammen?
Kunst und Religion sind zwei Medien der umfassenden Welt- und Lebensdeutung. Es gibt viele Stimmen, die behaupten, dass allein die Kunst in der Lage ist, die Religion zu retten, denn diese ist in den westlichen, christlichen Ländern auf dem Rückzug und neigt in anderen Kulturen vielfach zum militanten Fundamentalismus. Kunst und Religion besitzen eine strukturelle Nähe, denn sie deuten auf eine Welt, wie sie sein könnte und beschäftigen sich beide intensiv mit den geistigen und spirituellen Kräften, die uns umgeben. Beide beinhalten sie geistige und feinstoffliche Elemente, die nicht sichtbar und nicht fassbar sind und doch existieren und zu unserem Leben gehören. In unserer Arbeit Kunst und Religion, sowie Kunst und Kirche miteinander zu verbinden, ist daher in hohem Maße richtig und sinnvoll.

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erstellt am 20.Nov.2015 | 14:11 Uhr

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