Krankenschwestern für Schulen?

Bildungsausschuss beschäftigt sich mit den Problemen chronisch kranker Kinder in Wedels Bildungseinrichtungen

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03. November 2018, 16:00 Uhr

Gleich von zwei Seiten bekamen die Kommunalpolitiker im jüngsten Bildungsausschuss Einblick in die Probleme chronisch kranker Schüler: von einem theoretischen und von einem ganz konkreten Blickwinkel aus. Der Ausschuss hatte die Sonderschullehrerin und Fachberaterin des Kreises Pinneberg, Barbara Stegert, für einen Vortrag und ein Gespräch eingeladen, um einen ersten Ein- und Überblick in das sehr diffizile und komplexe Thema zu bekommen. Gleichzeitig hatte sich ein Elternpaar in der Einwohnerfragestunde gemeldet, das die Gremiumsmitglieder um Unterstützung bat, eine Einzelfalllösung für ihr von Epilepsie betroffenes Kind zu finden, weil die Lage sich in ihrer Angelegenheit festgefahren habe.

Die Anzahl der chronisch kranken Schüler sei auch in Wedel steigend, stellte Stegert gleich zu Beginn ihrer Ausführungen fest. Auch wenn sie sich zuerst nur auf die körperlichen Krankheiten wie Diabetes, Epilepsie, Asthma, Allergien, angeborene Herzfehler und chronische Darmentzündungen wie Morbus Chron beziehe, gelte das in gleichem Maße für psychische Krankheiten, beispielsweise die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS. Probleme bereiteten in den allermeisten Fällen die Medikamentenvergabe und andere besondere medizinische Hilfen, die im akuten Fall notwendig würden.

Lehrkräfte reagierten häufig eher ablehnend, wenn sie danach gefragt würden, beispielsweise einem akut krampfenden Kind im Notfall, der möglicherweise nie eintritt, ein Medikament zu verabreichen, erläuterte die Fachfrau. Dafür zeigte sie Verständnis, denn deren subjektive Wahrnehmung sei es nun einmal, dass sie sich mit der Einwilligung in die Verantwortung in einer rechtlichen Grauzone befänden. „Sie haben Angst und die gilt es abzubauen“, sagte Stegert. Gleichzeitig stellte sie die Freiwilligkeit heraus: „Die Lehrer dürfen, müssen aber nicht helfen.“

Eine bundesweit einheitliche Vereinbarung gebe es nicht. Meist werde ein Haftungsausschluss unterschrieben, der beispielsweise Fehler, die in Panik passierten oder unbeabsichtigt durch Dritte verursacht würden, absichert. Aber wer beurteilt das Fehlverhalten? Wie weit reicht der Erste-Hilfe-Kodex, und wann greift der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung? Fragen, die verunsicherten, so Stegert.

Ihr Lösungsansatz: Aufklärung und die Verantwortung nicht nur einem Menschen aufgeben. „Es gilt, mehrere Ansprechpartner zu finden. Die Fürsorge sollte auf mehrere Personen übertragen werden.“ Hilfreich sei sicher auch, wenn die Medikamentenvergaberegelung erweitert würde, so die Fachfrau. In den skandinavischen Ländern gebe es Schulkrankenschwestern, das sei auch eine Option.

Jeder zeigt mit dem Finger auf andere, das sei jedenfalls sein Eindruck, stellte der Ausschussvorsitzende Lothar Barop (SPD) in der anschließenden Diskussion fest. Rainer Hagendorf (Grüne) schlug vor, das fehlende Fachwissen, das Ursache der Ablehnung sei, mit Hilfestellung des DRK zu beheben. Worauf Barop fragte, ob denn schon Mal über eine Kooperation mit der Sozialstation nachgedacht worden sei. „Die müssen das täglich machen und haben Erfahrung.“ Ein spannender Gedanke, nahm Stegert den Vorschlag auf: „Es lohnt sich für den Schulträger, sich Verbündete zu suchen.“

Christdemokrat Jörg Keller berichtete von seinen Erfahrungen aus der Wirtschaft. In einem Betrieb mit 600 Beschäftigten seien Sanitäter mit Hilfe von Durchsagen gerufen worden, das habe funktioniert. Dass die Inklusion ein komplexes Thema mit zu wenig Geld im System sei, war schließlich Konsens der Ausschussmitglieder. Detlef Murphys (Linke) Vorschlag, die Verwaltung mit einem Prüfauftrag über Voraussetzungen, Möglichkeiten und Kosten einer Schulkrankenschwester zu beauftragen, wurde einvernehmlich angenommen.

Für die verzweifelten Eltern hat sich in der Zwischenzeit ein erster Hoffnungsschimmer ergeben. Fachkraft Stegert soll nach ersten früheren Kontakten nun noch einmal in den Annäherungsprozess einbezogen werden. „Wir sind daran, eine Lösung zu finden“, heißt es dazu vom Schulleiter.

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